Zwischen Himmel und Liebe von Cecilia Ahern ist ein sehr berührender,
intensiver und wichtiger Roman, der sich u.a. mit dem Thema "Leben" beschäftigt. "Leben" ist solch ein umfassender Begriff, und genau diese Tatsache
entspricht auch der zu vermittelnden Botschaft in diesem Buch.
""Imaginäre Freunde, unsichtbare Freunde, nennen Sie uns, wie Sie wollen. Vielleicht glauben Sie an uns, vielleicht auch nicht. Aber das ist vollkommen unwichtig. Wie die meisten Leute, die wirklich gute Arbeit machen, existieren wir nicht, damit man über uns spricht und unser Loblied singt, wir sind einfach da für diejenigen, die uns brauchen. Vielleicht existieren wir überhaupt nicht, vielleicht sind wir nur Fantasiegebilde, vielleicht ist es purer Zufall, dass zweijährige Kinder, die kaum sprechen können, so häufig auf die Idee kommen, Freundschaften mit Leuten zu schließen, die Erwachsene nicht sehen können. Vielleicht haben all die Ärzte und Psychologen Recht, wenn sie meinen, dass diese Kinder nur ihre Fantasie ausprobieren und entwickeln.
Aber schenken Sie mir noch eine Sekunde Geduld. Gibt es vielleicht noch eine andere Erklärung, an die Sie in meiner ganzen Geschichte nicht gedacht haben?
Nämlich die Möglichkeit, dass wir tatsächlich existieren. Dass wir da sind, um denen zu helfen und die zu unterstützen, die uns brauchen, all diejenigen, die an uns glauben und uns deshalb sehen können." (S. 394)
Im Zentrum stehen Elizabeth Egan und Ivan.
Elizabeth, von Beruf Innenarchitektin, ist eine sehr pragmatische, ordnungsorientierte wenn nicht gar -besessene Person, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen möchte und für phantastische Gedankenabschweifungen keine Zeit erübrigen kann.
Ivan, von Beruf Freund, ist ein Mann, der wahrlich noch sein inneres Kind
behalten hat. Nicht umsonst ist er Teil eines Teams, dessen Aufgabe es
ist, sich um Menschen - hauptsächlich Kinder - zu kümmern, ihnen ein
Freund zu sein und Hilfe zu geben, wenn diese sie brauchen. Was man dabei
nie vergessen darf, ist, dass nur die ausgewählten Freunde Ivan und dessen
Kollegen sehen können. Für alle anderen Menschen sind diese Helfer
unsichtbar. "Imaginäre Freunde", wie man sie gerne nennt.
Das Buch bietet jedem Menschen ein paar - je nach Lage - große oder kleine Lernstützen für das eigene Leben. Eine wichtige Rolle spielt bei der ganzen Sache natürlich auch das Kind an sich, das hier stellvertretend für ein natürliches Leben steht, für Freiheit und Lebenslust.
"Weil sie offen sind. Weil sie lernen wollen. Erwachsene denken meist, sie wissen schon alles. Sie vergessen so leicht, und statt ihr Gehirn zu öffnen und zu entwickeln, wählen sie sich einfach irgendetwas aus, was sie glauben und was sie nicht glauben. Aber man kann sich nicht einfach aussuchen, was man glauben will - entweder man glaubt es, oder man glaubt es nicht. Deshalb lernen die Erwachsenen viel langsamer. Sie sind zynisch, verlieren ihren Glauben und wollen nur noch die Dinge wissen, die ihnen dabei helfen, einen Tag nach dem anderen zu überstehen. Aber, Elizabeth, es sind die Extras, die das Leben machen."
"Die das Leben wie machen?"
"Die das Leben machen."
"Und das ist alles?"
"Wie meinen Sie das? Was ist denn mehr als das Leben? Was wollen SIe sonst noch? Das ist das Geschenk. Das Leben ist alles, und man lebt nicht richtig, bevor man anfängt zu glauben."
(S. 154, verkürzt)
Eine ganz berührende, tiefsinnige Geschichte beginnt sich zu entwickeln.
Ivan ist eine unglaublich große Hilfe für Elizabeths Seele, zumal er in
ihr das verborgene Kind entdeckt und befreien kann. Nahezu ein Wunder ist
es, als Elizabeth mitten im Buch lachend auf der Straße tanzt und Kaffee
verschüttet oder mit Luke auf dem Feld Pusteblumen fängt und sich Dinge
wünscht. Zudem begleitet man als Leser immer wieder die Vergangenheit
Elizabeths und kann am Ende sehr gut nachempfinden, wieso Elizabeth so
ist, wie sie am Anfang des Werkes scheint. Und genau so kann man
nachempfinden, wie schön das Erscheinen Ivans sich anfühlen muss. Dass
dieser tatsächlich unsichtbar ist, weiß Elizabeth nämlich gar nicht und
kann sich somit voller Freude, Begeisterung und Liebe diesem wundervollen
Menschen widmen.
Auch in Ivan geht eine Menge vor sich; Normalerweise hilft er Kindern,
begleitet sie in einem kurzen Abschnitt ihres Lebens. Nun steht er vor der
Herausforderung, mit einer erwachsenen Frau zu "arbeiten"? Dieses Faktum
lässt Ivan recht bald erkennen, dass er nicht nur eine freundschaftliche
Hilfe ist...
Ich konzentriere mich bekanntlich gern auf die positive Seite der Dinge, ich sage immer, dass gleich nach dem Regen ein Silberstreif am Horizont erscheint, aber um die Wahrheit zu sagen, und ich glaube fest an die Wahrheit: An meinem Erlebnis mit Elizabeth hatte ich eine ganze Weile zu knabbern. Mir wollte einfach nichts einfallen, was ich dabei gewonnen hatte, ich konnte nur sehen, dass ich sie verloren hatte, und das war wie eine riesige schwarze Gewitterwolke über meinem Kopf. Aber während die Tage verstrichen und ich jede Sekunde an sie dachte und lächelte, da wurde mir allmählich klar, dass sie zu kennen und vor allem zu lieben der dickste Silberstreif war, den man sich überhaupt denken kann. Sie war besser als Pizza, besser als Oliven, besser als Freitage und besser als Drehstuhlkarussellfahren, und selbst jetzt, wo sie nicht mehr bei uns ist, ist Elizabeth Egan - auch wenn ich das eigentlich gar nicht sagen dürfte - immer noch mit Abstand meine Lieblingsfreundin (S. 394, f.)
"Das Wichtige ist nicht, wie wir aussehen, sondern welche Rolle wir im Leben unserer besten Freunde spielen. Freunde suchen sich bestimmte Freunde aus, weil sie mit ihnen in einer bestimmten Zeit ihres Lebens zusammensein möchten, nicht weil sie die korrekte Körpergröße, das richtige Alter und die angemessene Haarfarbe haben. Klar, es ist nicht immer so, aber häufig gibt es einen guten Grund dafür, warum jemand mich wahrnimmt und nicht meinen Kollegen Tommy, der aussieht wie ein Sechsjähriger und dem ständig die Nase läuft. Ich meine, in Lukes Leben gibt es beispielsweise kein anderes älteres männliches Wesen, oder? Nur weil man einen "unsichtbaren" Freund sieht, heißt das noch lange nicht, dass man sie alle wahrnimmt. Man hat zwar die Fähigkeit dazu, aber da die Menschen sowieso nur zehn Prozent ihres Gehirns benutzen, wissen sie gar nicht, wie unglaublich viele andere Fähigkeiten sie noch haben. Es gibt so viele wundervolle Dinge, die man sehen könnte, wenn man sie nur richtig darauf konzentrieren würde. Das Leben ist eine Art Gemälde. Ein echt bizarres, abstraktes Gemälde. Man schaut es an und meint, das ist alles, und es kommt einem irgendwie verschwommen vor. Gut, man kann weiterleben und stur bei dieser Überzeugung bleiben, aber wenn man irgendwann anfängt, richtig hinzugucken, wenn man sich konzentriert und seine Fantasie benutzt, dann kann das Leben viel mehr sein. Das Gemälde kann das Meer darstellen oder den Himmel, es können Leute darauf zu sehen sein, Gebäude, ein Schmetterling auf einer Blume oder irgendwas anderes. Nicht nur der Nebel, den man anfangs wahrgenommen hat." (s. 127, f.)
Ich, männlich, empfinde diesen Roman übrigens nicht als
"Frauen-Kitsch-Roman", wenn man es denn so ausdrücken mag. Für mich ist es
eine sehr bedeutende und wichtige Geschichte, die jedem Menschen, der den
Blick für ein phantastisches und phantasievolles, sprich glückliches Leben
erringen möchte, eine riesen Hilfe sein kann.