Charlie Huston war und ist mir ein verlässlicher Freund. Obgleich er sich für eine ganze Reihe von Büchern und Comics verantwortlich zeichnet, wirkt es dennoch so, als schreibe er einen Roman fort. Und das schöne dabei: er wird darin immer besser. Seine Helden schlittern in absurde Situationen, werden Zeuge krimineller Aktivitäten und haben dabei allesamt eines gemein: gerade da, wo es gilt, Schweigen zu bewahren, verspüren sie das lebensgefährliche Bedürfnis, frech zu werden. Das allein garantiert einer Figur zu folgen, die förmlich durch die Romane geprügelt wird, die auch dann eine freche Lippe riskiert, wenn Teile dieser bereits den gekachelten Boden benetzen. Und wie sich herausstellt, sind es gerade jene Prügelknaben, denen eigentlich gar keine Rolle in den kriminellen Geschehnissen zugedacht war, welche die Organisation schlussendlich zu Fall bringen. Der Chaos Faktor, der die kriminelle Gleichung zerstört.
-
„The Mystic Arts Of Erasing All Signs Of Death“, in Deutschland traditionell unelegant in „Das Clean Team” umgetauft, ist der Start einer neuen Roman Reihe. Wir erinnern uns: Hank Thompson schlitterte versehentlich in ein kriminelles Komplott und wurde dadurch selbst zum Gangster (3 Romane), Joe Pitt gab im von Vampiren bevölkerten New York den hartgekochten Detektiv zwischen allen Stühlen (5 Romane). Hustons neuer „Held“ ist Webster Fillmore Goodhue, genannt Web. Als wir ihn kennenlernen, scheint er es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, mit Marcel Proust in Konkurrenz zu treten. Und das nicht im Schreiben eines telefonbuchdicken Romans, sondern darin, möglichst viel Zeit im Bett zu verbringen. Kleine Gelegenheitsjobs und Horrorfilmmagazine sind nicht gerade dazu angetan, den ehemaligen Grundschullehrer seiner Apathie zu entreißen. Als er jedoch notgedrungen bei einer Firma anheuert, die Verbrechensschauplätze reinigt, ist das Startschuss einer bizarren Reise, bevölkert mit all dem, was diese Art von Literatur ausmacht: Sex, Gewalt und hartgekochter Humor – mit durchgetretenem Gaspedal und einer bis auf den Filter runtergebrannten Kippe.
-
Im Gegensatz zu Tarantino, der mit seinen beiden letzten Filmen („Death Proof“, „Inglorious Basterds“) endlich erwachsen geworden ist, seine überbordende Referenz Leidenschaft nicht negierte, sondern von Grund auf umgestaltete und ganz nebenbei ästhetische Kunstwerke schuf, die in ihrer Eleganz einzigartig sind, behält Huston den gewählten Ton bei, macht kurz gesagt alles so, wie bisher - nur eben ein klein bisschen besser. Andererseits erscheint es mir so, als sei ihm gleichzeitig aufgegangen, dass Raymond Chandlers Romane nicht deshalb ewig leben, weil sie über lakonischen Dialogwitz verfügen, sondern weil sie für das eigentliche Motiv der Kriminalliteratur, nämlich dem Verbrechen als solchen, lediglich nebensächliches Interesse zeigen, und dafür ergründen, wie ein Mensch zu dem wird, der er ist. Dass wir im Verlaufe des Romans mehr über die Vorgeschichte von Web erfahren, gibt Hustons tour-de-force Literatur eine neue Qualität, ohne sie dabei im Kern zu verändern (wobei erwähnt werden muss, dass es Huston nie gelingt, an Chandlers Qualität anzudocken). Auch erschien es mir so, als hätte er stellenweise einem poetischen Verlangen nachgegeben, das er mit Sicherheit schon immer verspürte, sich aber in Anbetracht seines harte-Kerle-Genres bisher immer versagt hatte. Die Verwirklichungen dieses Verlangens sind zwar rar gesät und glitzern leise (zum Beispiel der Monolog auf Seite 371/372), ergeben in Verbindung mit dem Altbekannten, also all dem, was gute Schundliteratur ausmacht, jedoch einen Roman, den man nicht mehr aus der Hand legen möchte, bis man seine Ende erreicht hat - vorausgesetzt, man mag diese Sparte. Und dass das Ende genau genommen kein Ende ist, sondern wohl vielmehr Auftakt einer neuen Roman Reihe, macht glücklich, denn so schreibt sie sich fort, diese Pulp Variante der "La Comédie humaine".
-
„Ich musterte Harris und rief mir ins Gedächtnis, wie verdammt groß sein Colt war und wie er mein Telefon benutzt hatte, um jemanden damit zu erschlagen. Außerdem galt es zu veranschlagen, dass in diesem Motelzimmer mehr auf dem Spiel stand als nur meine eigene jämmerliche Existenz. Dementsprechend formulierte ich eine Antwort, die mir dazu angetan schien, in einer turbulenten Situation die Wogen zu glätten. »Könnten sie mal kurz ihre bescheuerte Klappe halten und mir einfach sagen, wo mein Mädchen steckt?«“ Charlie Huston, Das Clean-Team.