Das Buch “Feuchtgebiete“ und wie ich dazu kam:
Ich habe schon viel von dem Buch „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche gehört und schwankte zwischen Faszination und Ekel.
Sollte ich das Buch kaufen, ausleihen oder doch lieber einfach im Regal stehen lassen?
Die Neugier siegte und so wartete ich einige Wochen, bis ich mein vorbestelltes Exemplar des Buches in der Bücherei ausleihen konnte.
Bei dem Begriff Feuchtgebiete denkt man zuerst an Moore, Seen, Sumpfgebiete und Ähnliches und auf den ersten Blick irritierte mich der Buchtitel etwas.
Der Klappentext auf der Rückseite ließ natürlich schon erahnen, warum das Buch eben diesen Titel trägt, doch was dann folgte, stellte meine Erwartungen in den Schatten.
In Zeiten von „Sex and the City“ ist es für viele Menschen denke ich kein Tabu mehr, über Intimpflege, wechselnde Sexualpartner und Analsex etc. zu reden.
Sonia Kraus klärt in ihrem Buch „ Baustelle Body“ über solche Dinge wie Analbleaching auf und selbst das konnte mich nicht schocken.
Doch was in dem Buch von Frau Roche zu lesen ist, stellt die Texte so manchen Skandalrappers bei Weitem in den Schatten.
Die Autorin:
Charlotte Roche wurde 1978 in England geboren und wuchs in Deutschland auf.
Sie ist als TV-Moderatorin bekannt (Viva „Fast Forward“, ZDF, Arte) und lebt mit Mann und Kind in Köln.
Dieses Buch ist ihr Erstlingswerk.
Auf
http://www.tagesspiegel.de/zeitung/ich-stank-wie-ein-heckenpenner-iltis/1172024.html
findet ihr ein Interview mit Frau Roche über das Buch.
Fakten zum Buch:
Das Buch ist im Jahr 2009 als Taschenbuch beim Ullstein Taschenbuchverlag erschienen.
Es umfasst 224 Seiten und kostet im Buchhandel 8,95 Euro.
Der Verlag über das Buch:
Auf dem Klappentext auf der Rückseite des Buches lese ich:
Nach einer missglückten Intimrasur liegt die 18-jährige Helen auf der Inneren Abteilung von Maria Hilf.
Dort widmet sie sich jenen Bereichen ihres Körpers, die gewöhnlich als unmädchenhaft gelten.
Feuchtgebiete erzählt die wunderbar wilde Geschichte einer ebenso genusssüchtigen wie verletzlichen Heldin.
Die Story:
Das Buch beginnt mit Gedanken der Autorin oder der Protagonistin zum Thema Altenpflege und Scheidungskinder.
Danach geht es mit der eigentlichen Geschichte los:
Die 18 Jährige Helen Memel ist nach einer Intimrasur mit einer Analfissur in Krankenhaus Maria Hilf.
„Es weiß vielleicht nicht jeder, was eine Analfissur ist.
Das ist ein haarfeiner Riss oder Schnitt in der Rossettenhaut“.
Bereits auf den ersten Seiten beschreibt die Autorin sehr ausgiebig das Thema Hämorrhoiden, welche sie Blumenkohl nennt und Helen als sehr anregend beim Analsex findet.
Ich werde bombardiert mit Worten wie Muschi, Arsch, Rosette und bin gespannt, wies nun weitergehen wird.
Aha, das Mädchen rasiert sich also überall, nur nicht an der Oberlippe und bei der täglichen Rasur ist es also passiert und sie musste ins Krankenhaus.
Helen beschäftigt sich nun mit ihrem Poloch, wie sie es am Besten anschauen kann und wie sie ihre Analregion rasiert etc.
Um sie herum geht es mit dem Krankenhausalltag weiter.
Ärzte kommen vorbei, während sie mit heruntergelassener Hose und deutlich sichtbarer Wunde auf dem Krankenhausbett liegt.
Vom Arzt erfährt sie, dass sie operiert werden muss und bringt ihn mit ihren detailierten Fragen in Verlegenheit.
Sie bittet darum, den „Blumenkohl“ bei der OP auch zu entfernen und erzählt von ihrer Angst vor der OP.
Der „Betäuber“ der ihr die Narkose geben soll, wird ins Vertrauen gezogen, schließlich möchte sie sehen, was ihr da genau rausgeschnitten wurde.
Dabei wird sie auch über das Thema Analinkontinenz aufgeklärt.
Man erfährt nur ganz kurz etwas über eine Freundschaft mit einem anderen Mädchen, dann geht’s weiter mit Helens Wundpflege nach der OP.
Nun beschäftigt sich Helen mit der Intimpflege bei Jungs und Mädchen, welche sie Muschi- und Penishygiene nennt.
Sie beschäftigt sich ausgiebig mit diesem Thema und ärgert sich darüber, warum bei Mädchen mehr darauf geachtet wird.
Überhaupt findet sie das ganze Getue um Körpergerüche und Reinlichkeit doof, zum Beispiel wenn Frauen „kacken“ und dabei Raumduft versprühen.
Sie riecht und schmeckt sich selbst gerne und bei ihrem „Muschiexperiment“ wird mir schlecht vor Ekel.
Sie wischt mit ihrer Scheide über die verunreinigte Toilettenbrille von sämtlichen Klos und mag es besonders gern, wenn sich darauf Haare und Ausscheidungen befinden.
Urks…
Sie isst ihr Smegma, wechselt selten die Unterhose, reibt sich Smegma hinters Ohr, isst getrochnetes Sperma…
Weiter beschreibt sie ihre Masturbationsmethoden, bei denen mir teilweise ganz anders wird.
Offenbar hat sie noch nie davon gehört, dass man Wasser nicht direkt in die Scheide einlaufen lassen sollte.
Zum Glück tritt nun der junge Krankenpfleger Robin auf und wird nun für sexuelle Fantasien und zum Abfotografieren der Analregion genutzt.
Auffällig ist, dass Helen sich erst bei der Mutter melden muss, bis diese in Erscheinung tritt.
Überhaupt geht es sehr viel um Helen und ihr Innenleben und das Krankenhaus und wenig um nahe stehende Menschen.
Helen war schon mehrmals im Krankenhaus, wegen erfundener Beschwerden, die ihr eine Blinddarm-OP einbrachten und wegen einer Sterilisation.
Merkwürdig ist die Geschichte mit Helens Avocado-Familie. Aber ich möchte nicht zu viel verraten.
Die Mutter betritt die Szenerie und wirkt eher besorgt um Anstand und Hygiene, als um Helen selbst.
Diese begehrt gegen den Katholizismus der Mutter auf und stellt merkwürdige Forderungen, wird aber wenig zur Kenntnis genommen.
Nach und nach erfährt man, dass Helen ein Scheidungskind ist und hofft ihre Eltern im Krankenhaus wieder zusammen zu bringen.
Irgendwie tut sie mir im Nachhinein schon fast Leid.
Sie hat nur sich, ihren Körper und den Krankenpfleger.
Ihre Geschichten über sexuelle Erlebnisse und Intimrasuren von Fremden wirken auf mich wie der Hilfeschrei nach Liebe, die sie sonst nirgends bekommt.
Der Showdown:
Langsam wird’s eng, die Eltern sind immer noch getrennt und die Entlassung aus dem Krankenhaus steht kurz bevor.
In der Schule weiß keiner Bescheid, warum sie wirklich fehlt.
Der Vater kommt kurz zu Besuch und man merkt, dass sie sich nicht viel zu sagen haben.
Merkwürdigerweise weiß sie nicht einmal, welchen Beruf er ausübt und er selbst redet nie über Persönliches, sondern nur über die Wissenschaft.
Immer wieder berichtet Helen von sexuellen Beziehungen mit Männern, von ihrer „Zeigefreude“ und diversen nicht ungefährlichen Experimenten.
Eklig finde ich die Schilderung, dass sie sich die Grillzange des Vaters eingeführt hat und danach interessiert dabei zusah, wie sie in Gebrauch war.
Wieder sucht sie Kontakt zum behandelnden Arzt, der aber ebenso wie das übrige Klinikpersonal wissen möchte, ob sie schon Stuhlgang hatte-
Hätte sie dies nämlich, könnte sie wieder nach Hause.
Robin:
Robin scheint ihr einziger Ansprechpartner zu sein und sie versucht ihn durch Schilderungen ihrer Praktiken anzumachen.
Sie klingelt ihn oft an und denkt, sie sei in ihn verliebt.
Dies nehme ich jedoch nicht ganz so ernst.
Sie stellt sich ja auch Sex mit ihrem eigenen Vater vor und erzählt davon, wie sie andere Menschen gerne nackt sieht und im Puff mit Frauen schläft.
Die Wahrheit über Helens Familie:
Das ganze Buch geht es mit ähnlichen Schilderungen weiter, bis Helen schließlich zu einer brutalen Selbstverletzung greift, um länger im Krankenhaus bleiben zu können.
So ziemlich zum Schluss kommt ihr Bruder Toni zu Besuch und ich bekomme einen Eindruck davon, warum Helen so sein könnte wie sie ist.
Sie hat in jungen Jahren ihre Mutter und ihren kleinen Bruder gerettet, nachdem ihre Mutter versucht hatte, beide zu töten.
Dies sagt sie nun ihrem Bruder und ich frage mich, wie dieser nun damit umgeht.
Ich glaube, ich hätte ihn nicht einfach so gehen lassen.
Der Schluss des Buches ist unerwartetund doch nach längerem Nachdenken für mich auf absurde Art nachvollziehbar.
Mein Fazit:
Zuerst war ich einfach nur angewidert.
So manches konnte ich nachvollziehen, doch andere Schilderungen wie das Muschiexperiment und andere Hygieneexperimente wie das Verschmieren von Blut waren mir ein Graus.
Ich habe vor einiger Zeit eine Doku über die schlechten Hygienebedingungen in Deutschlands Krankenhäusern gesehen und bei dem Gedanken, dass es dann auch noch solche Patienten gibt wurde mir ganz anders.
Immer wieder machte ich mir Gedanken darüber, wie besonders jüngere Mädchen nach der Lektüre dieses Buches wohl denken mögen.
Die sexuellen Ausschweifen der Protagonistin, ihre Masturbationstechniken etc. sind teilweise ganz schön gefährlich und nicht gerade zur Nachahmung empfohlen.
Es hat mich erschrocken zu lesen, dass das Buch durchaus autobiographische Züge haben soll.
Helen wirkt auf mich zeitweise wie ein kleines Kind, zeitweise wie eine junge Frau.
Ihre extreme Auslebung der oralen und analen Phase erinnern mich an ein Kleinkind und ich frage mich, wie die Autorin wohl selbst damit umgegangen ist.
Die ständigen vulgären Ausdrücke erinnern mich an unsere Kindergartenkinder, die es besonders toll finden Dinge wie Kaka und Pipi zu sagen.
Die Autorin zeichnet in meinen Augen ein Bild einer jungen Frau, die eigentlich nioch gar nicht die geistige Reife für ihr Alter hat.
Helen ist ein Scheidungskind, hat keine richtigen Freunde und ein gestörtes Verhältnis zu ihren Eltern.
Ihre Beschäftigung mit ihren Körperflüssigkeiten und Ausscheidungen und die extreme Art der sexuellen Erfahrungen wirken auf mich, als würde sie dadurch versuchen Liebe zu erfahren und sich lieber nicht mit ihren Gedanken etc. zu beschäftigen.
Der Körper steht im Fokus.
Die eigene Familie ist zerrüttet, da bleibt nur die Beschäftigung mit sich selbst und die Verdrängung der Tatsachen.
Der Hang zur Selbstschädigung (mangelnde Intimhygiene, übertriebene Sexualpraktiken etc.) wirken auf mich wie einer Art unterschwelliger Haß auf sich selbst.
Vielleicht ist es das kleine Kind in Helen, welches sich fragt, warum die Eltern sich getrennt haben, welches sie so handeln lässt.
Abschließende Worte:
Vieles an dem Buch finde ich sehr abstoßend und ekelerregend.
Von der anderen Seite her entwirft es ein interessantes, wenn auch mitleiderregendes psychologisches Profil einer jungen Frau.
Die Autorin möchte laut eigener Aussage mit diesem für mehr Freiheit für Frauen und einen unverkrampfteren Umgang mit der eigenen Sexualität sorgen.
In dieser Form kann das ein Roman meines Erachtens nicht leisten.
Es fehlt das Einfühlungsvermögen, die Wortwahl ist platt und vulgär.
Ich würde das Buch jüngeren Mädchen eher nicht empfehlen (wg. teils nicht ungefährlichen Inhalten und dem Thema der Sterilisation).
Dazu wird in dem Buch zu wenig auf Konsequenzen und Nachteile eingegangen.
Das Buch polarisiert. Die Einen lieben es, die Anderen finden es einfach nur eklig.
Ich fand es aufgrund des beschriebenen Charakters lesenswert, aber zu vulgär und abstoßend.
Viel Spaß beim Lesen wünscht Alchemilla