Schoßgebete – ein Skandalbuch?
Literatwo und eine Skandalbuchbesprechung?
Wir haben uns ganz unvoreingenommen Charlotte Roche und ihrem neuen Roman “Schoßgebete” genähert, ohne Vorurteile, ohne Meinung, ohne Blick auf Artikel in den Medien. Dass es ein Skandalbuch sein soll, haben wir gehört, ob es eins ist, wollten wir selber herausfinden.
Hat “Feuchtgebiete” etwas mit “Schoßgebete” zu tun? Nein – für mich und für uns nicht, denn ein neues Buch, ist ein neues Buch, ist ein neues Buch…
Das Skandalbuch 2011. Das Skandalbuch der Skandalbuchautorin von „Feuchtgebiete“ – Charlotte Roche. Diese Gedanken haben wir ausgeblendet, diese Zeilen wollten wir nicht in unseren Köpfen haben und diese Zeilen kamen vor allem auch nach dem Lesen nicht in unsere Köpfe.
Denn…
Skandalbuch? Wo bitte ist der Skandal im Buch?
Ja, ich habe „Feuchtgebiete“ gelesen und nein, ich würde es nicht wieder lesen und nein, ich mag es nicht und würde es nicht weiter empfehlen. Aber soll ich aus diesem Grund über „Schoßgebete“ schlecht reden oder einen großen Bogen um das Buch machen? Mitnichten, warum auch. Jedes Buch ist für sich eigenständig und ich gehe ganz unvoreingenommen an jedes Buch heran. Wenn ich schon eine Meinung hätte, bräuchte ich es doch nicht lesen, daher bilde ich mir meine Meinung selbst, hinterher, wenn ich es gelesen habe und erst danach auch darüber sprechen kann.
Positiv oder negativ sei mal dahin gestellt. Meine Meinung – unsere Meinung.
Die ersten Seiten von „Schoßgebete“ beginnen mit einer Sexszene, in der die Protagonistin Elizabeth Kiehl genau beschreibt, was sie bei ihrem Mann tut, was sie selbst mag, was sie dabei denkt und wie der Sex in ihrer Beziehung von Beginn bis zum Schluss verläuft.
Die 33-jährige ist Mutter einer siebenjährigen Tochter und ist in sich selbst die Unruhe in Person. Nur der Sex hilft ihr, die Gedanken, die sie ununterbrochen am Tag hat, auszustellen. Sie kann sich fallen lassen, genießen und sich ausleben. Ein Gedanke begleitet sie beim Sex dennoch, der Gedanke an ihre Mutter.
Sie wurde asexuell erzogen, wobei ihre Mutter von jedem ihrer Männer ein Kind hat, eine reinste Patchworkfamilie. Die Mutter erzog Elizabeth vollkommen anders, als sie selbst ist und lebt, wobei die beiden sich in allen anderen Dingen gleichen und sehr ähnlich sind. Wenn Elisabeth Sex hat, zahlt sie es in Gedanken ihrer Mutter heim und umso intensiver sie ihr Sexleben auslebt, umso besser für ihre Gedanken und ihren inneren Frieden.
Ein tragischer Unfall vor ihrer Hochzeit hat sie allerdings stark verändert und geprägt. Sie ist bei einer Therapeutin in Behandlung und möchte nicht nur dort alles richtig machen. Sie möchte die beste Ehefrau, die beste Mutter, die beste Patientin und die beste Hure für ihren Mann sein, erst dann wird sich in ihr Ruhe einstellen. Sie ist spießig, achtet penibel auf die Umwelt, versucht jegliche Fehler zu vermeiden, schließlich will sie mit ihrem Mann Georg für immer zusammen bleiben und ihrem Kind die schönste Kindheit überhaupt ermöglichen.
Elizabeth ist seit dem Unfall immer auf der Hut, hat große Eifersuchtsphasen und brauch die ständige Kontrolle über alles. Dabei denkt sie selten an sich, doch einen Wunsch hat sie schon, einen ganz bestimmten…
Kein Skandalbuch, sondern ein Buch mit Tiefgang. Ja ihr habt richtig gelesen! Charlotte Roche schreibt gleich zu Beginn, dass der Roman auf wahren Begebenheiten basiert. Auch ohne diesen Hinweis, hätte ich das gemerkt, da ich zu der Generation gehöre, die ihre Musiksendermoderation oft verfolgt hat. Auch der damalige Unfall vor ihrem Hochzeitstag ist mir nicht unbekannt. Ein tragischer Tag, über den im Fernsehen berichtet wurde.
Unvoreingenommen bin ich an das Buch heran gegangen, erwartete nicht die Fortsetzung von ihrem ersten Roman, sondern etwas völlig anderes. Ein Buch der Verarbeitung hat Charlotte Roche geschrieben. Die Protagonistin Elizabeth Kiehl hat tiefschürfende Probleme, vor allem ein Problem mit sich selbst. Der damalige Unfall hat ihr weiteres Leben tiefgehend geprägt, die Verlustangst ist groß, aber auch der Gedanke an den eigenen Tod bestimmt ihr tägliches Leben.
Der Roman ist in drei Tage gegliedert, an denen man die Protagonistin begleitet. Kein einziger Skandal ist darin zu finden, außer man ist spießiger als Elizabeth selbst. Wer ekelhafte Situationen erwartet, wird enttäuscht werden. Die meisten Gedanken kann man nachvollziehen, da man diese selbst bereits hatte. Auch die sexuellen Handlungen und die Auseinandersetzungen damit, sind für mich schlüssig und verständlich. Alles wird offen ausgesprochen, auch die für einige Menschen sicher peinlichen Begebenheiten werden beleuchtet.
Charlotte Roche schreibt in sehr einfach gehaltenen Sätzen, stellenweise sehr naiv, was allerdings zu ihrer Protagonistin passt. Vorherrschend sind im Buch nicht die Dialoge, sondern das Kopfkino, die Rückblicke auf ihr bisheriges Leben, da sie die Vergangenheit ständig einholt und verarbeitet. Das Hineinversetzen in eben diese Gedanken und Empfindungen fällt sehr leicht und als Leser hat man für die vielleicht auf den ersten Blick noch so verbotenen Gedanken und Kurzschlusshandlungen tiefes Verständnis. Ja, man ertappt sich sogar selbst in einigen Passagen.
Einzig auszusetzten, wenn man das überhaupt so bezeichnen kann, sind ein paar Wiederholungen, der einfache Schreibstil und ein paar Absätze, bei denen sie sich hätte kürzer fassen können. Dennoch bin ich überrascht im positiven Sinne, welche Seite Charlotte Roche diesmal von sich zeigt. Genauso vielseitig wie sie selbst, ist auch „Schoßgebete“ und vor allem zu empfehlen, wenn man nicht pingelig versucht, Bücherhaare in der Romansuppe zu finden.
Arndt und ich waren unvoreingenommen, versuchten absichtlich tief zwischen den Zeilen zu lesen und uns in die Romanfigur zu begeben. Ich blendete Feuchtgebiete vollkommen aus, spulte auf Charlotte Roche Anfang und im Einklang lasen wir das Buch und sprachen mehr als häufig darüber. Für uns formte sich ein Bild heraus, was alles andere als Oberfläche zeigte. Wir saugten die Gefühle und die Stimmungslagen der Protagonistin, wie auch der Autorin auf und filterten unsere Meinung heraus – der komplette Gegensatz zu vielen anderen Stimmen und Stimmen der Medien.
Ein Skandalbuch ist es nicht – Charlotte Roche ist keine Skandalbuchautorin.
Es kann kein Skandalbuch sein, denn alle zum Skandal erhobenen Szenen spielen sich in der spießerischen Geborgenheit einer normalen Beziehung ab – es gibt keine Ausbrüche und die Protagonistin versucht ständig, ihrem Partner gerecht zu werden – zu entsprechen – das ist nicht skandalös – das ist spießig.
Bebilderte Rezension und mehr:
http://literatwo.wordpress.com/2012/04/27/schosgebete-ein-skandalbuch-auf-literatwo/