"Once you have read it, you'll want to tell everyone about it. When you do, please don't tell them what happens either. The magic is in how it unfolds."
An diese Empfehlung aus dem Klappentext werde ich mich hier halten, denn die besondere Qualität dieses Buches liegt tatsächlich in seiner Dramaturgie, der Art und Weise, wie die Ich-Erzählerinnen Little Bee und Sarah abwechselnd die komplexe Storyline preisgeben. Die von Cleaves angewandte Technik der stückweisen Enthüllung in nicht-chronologischer Reihenfolge bringt reihenweise überraschende Einsichten und unerwartete Wendungen hervor. Kurzum: Es bleibt spannend - und das bis zuletzt!
Darum geht's: Little Bee ist 16 Jahre alt und stammt aus Nigeria. Als Flüchtling verbringt sie zwei Jahre in einem britischen Heim für Asylbewerber, bevor sie unter sehr speziellen Umständen - ohne Papiere und legalen Status - das gefürchtete detention center verlassen darf.
In Großbritannien kennt sie außerhalb des Lagers nur zwei Menschen: Sarah und Andrew O'Rourke aus dem Londoner Edelvorort Kingston-upon-Thames. Ein gemeinsames Erlebnis in Nigeria hat Little Bee, Sarah und Andrew vor Jahren gleichermaßen traumatisiert und auf moralisch schwerwiegende Weise miteinander verbunden.
Noch aus dem Lager für Asylbewerber heraus ruft Little Bee bei Sarah und Andrew an und setzt eine Reihe unvorhersehbarer wie tragischer Ereignisse in Gang: Einige Tage später bringt sich Andrew um. Und kurz darauf steht Little Bee vor Sarahs Tür ...
"Little Bee" ist kein klassisches Flüchtlingsdrama. Phänome wie Flucht, Heimatlosigkeit, kulturelle Fremde und Integration werden anhand der Figur der Little Bee zwar bis zur Schmerzgrenze eindrücklich thematisiert, doch niemals isoliert und stets im Kontext mit weiteren - aus meiner Sicht durchaus gewichtigen - Fragen. Und so weiß man am Ende:
> Namen sind identitätsstiftend, Doppelnamen sind keine kleinlichen Akte emazipatorischen
Aufbegehrens
> Moral ist kein binäres Merkmal, über das man ganz oder gar nicht verfügt
> die westliche Kultur ist nicht das non plus ultra
> zu leben heißt Entscheidungen zu treffen
> Sprache bestimmt das Denken
> Trauer folgt keinen Regeln
> Selbsteinsicht kann töten
Pluspunkte: Neben dem wunderbar komponierten Spannungsbogen hat mich Cleaves Sprache, die er den Ich-Erzählerinnen in den Mund legt, begeistert: flüssig wie Honig, poetisch, pointiert, witzig.
Ein dicker Pluspunkt geht an Sarahs vierjährigen Sohn, Charlie. Mit seinem Batman-Kostüm quasi verwachsen, kämpft der kleine Kerl unermüdlich gegen imaginäre Bösewichte (Baddies). Aus dem Frage-und-Antwort-Teil am Ende des Buches habe ich erfahren, dass Cleaves eigener Sohn Pate für diese Figur stand. Charlie aka Batman ist ein tragikomischer Held, der selbst in dunkelste Momente etwas Licht hineinbringt.
Minuspunkte muss ich für die Darstellungen der Gewalt vergeben, die Little Bee widerfahren ist. Manche Stellen im Buch haben mich - um es salopp auszudrücken - wirklich fertig gemacht und ich musste mit dem Lesen pausieren, um den emotionalen Stress abzuschütteln. In dieser Hinsicht war das Buch mehr als nur eine Axt, es war eine Bombe.
Fazit: In der englischsprachigen Originalausgabe sind die ersten sechs Seiten mit überschwänglichen Rezensentenzitaten bedruckt. "Little Bee" sei shocking, brilliant, stunning ... Der Kritiker der "Washington Post" geht sogar weiter und sagt voraus: "Little Bee will blow you away ...". Und was sage ich dazu? Ja, es stimmt. "Little Bee" ist schockierend, brilliant, erstaunlich und unangefochten großartig. Eines jener Bücher, die man nicht vergisst.