Rezension verfasst vor 1 Jahr
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Was kann einen mehr abschrecken, als das Wissen, ein Buch lesen zu müssen, welches von einer stark feministisch eingestellten Autorin geschrieben wurde, von der Unterdrückung von Frauen handelt und dabei sogar so weit geht, eine altbekannte literarische Vorlage neu zu interpretieren, nach eigenem Willen und zu einem eigenen Ziel missbraucht? Es überrascht nicht, dass die Erwartungen angesichts dieser Informationen eine Party im Keller veranstalten - doch ganz unerwartet kriechen sie nach wenigen Kapiteln wieder nach oben und fühlen sich auch noch gut dabei.
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Denn "Medea. Stimmen" ist ein wirklich gutes Buch, nicht zuletzt durch seine interessante Erzählweise - zunächst ist man verlockt, die inneren Monologe und Bewusstseinsströme der Figuren als pseudophilosphische wirkendes, wenn auch faszinierendes Geschreibsel abzutun, doch schon bald leiten einen die titelgebenden Stimmen in Abgründe, die wirklich lohnenswert sind. Und wieder einmal frage ich mich: Wieso wird dieses Prinzip, eine Geschichte von mehreren völlig subjektiven Standpunkten aus zu erzählen, so selten angewandt? Nichts ist besser geeignet, um dem Leser die Charaktere wirklich nahe zu bringen, jeder einzelnen von ihnen Leben einzuhauchen. Die unterschiedlichen Sichtweisen auf das immer mehr eskalierende Geschehen geben ihm eine zusätzliche Würze und erschaffen somit die Illusion einer wirklichen Welt, die auf einer Vergangenheit gründet, die mit der Gesellschaft noch lange nicht abgerechnet hat.
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Doch nicht nur psychologisch kann Christa Wolf begeistern - einige Passagen zum Ende hin bieten in sozialpolitischer Sicht wahre Perlen von Passagen, die - ganz losgelöst von jeglicher Emanzipation - auch heute noch gelten, die ehrlich und bissig und wahr sind und den Leser zum Nachdenken anregen.
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Doch in der Ursache der anfänglichen Abneigung liegt, all den positiven Aspekten zum Trotz, doch noch ein Makel begraben, welcher das Buch ganz knapp am Prädikat "sehr gut" vorbeisteuert. Die Täter- und Opferrollen sind von der Autorin nämlich eindeutig vorgegeben, anstatt, wie es sich bei dieser Erzählweise anbieten würde, den Leser entscheiden zu lassen, wer denn "gut" und wer "böse" ist, endet das Buch mit einem klaren Urteil, welches nur wenige Fragen offen lässt. Hier verschenkt es im Endeffekt doch noch sein großes Potenzial - doch ansonsten ist "Medea. Stimmen" ein energiegeladenes, tiefgründiges und schonungsloses Buch, das in manchen Passagen nahezu episch wirkt und als Gesellschaftsstudie universell ist.
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