Leser-Rezension zu „Medea. Stimmen” von Christa Wolf

Rezension als hilfreich gekennzeichnet: (10)

Vyanne Vyanne
Verfasst von Vyanne
am 8.10.2010
 

Der Roman erzählt den Mythos der Medea neu, die eigentlich als grausame Bruder- und Kindsmörderin bekannt ist. Christa Wolfs Roman zeigt im Grunde, wie sich solche Vorurteile und Gerüchte ("Mythen" eben) an der Wahrheit vorbei entwickeln können, wenn damit das Bedürfnis einer Gesellschaft gestillt wird. Statt der bösen Hexe Medea zeichnet sie das Bild einer selbstbewussten und sehr weisen Frau, die ihre Heimat, Kolchis, verlassen hat und in der neuen, Korinth, verachtet wird, gerade weil sie als Frau so selbstbewusst und weise ist. Ihre Heilkünste wirken bedrohlich und sie kennt ein grausames Geheminis Korinths, das von der Obrigkeit mühsam unter Verschluss gehalten wird. Die Bewohner der Stadt Korinth suchen einen Sündenbock für die Schicksalsschläge, die ihnen wiederfahren und für einige Ränkeschmieder, die mehr Macht anstreben, ist Medea das gefundene Fressen. Es beginnt ein Spiel von Intrigen und Selbstbetrug, wie es heute - zwar subtil, aber dennoch - nach wie vor stattfindet.
Die hier dargestellte Geschichte der Medea ist zeitlos. Sie handelt vom Heimatverlust, vom ewigen Konflikt zwischen Mann und Frau, zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Gerechtigkeit und Egoismus und, in der Analogie zu Kolchis und Korinth, zwischen Ost und Westdeutschland.
Jedes Kapitel wird, einem Bewusstseinsstrom ähnlich, aus der Sichtweise einer am Geschehen beteiligten Person erzählt - der Leser hat an ihren Gedanken teil. Hier treten deutlich die völlig unterschiedlichen Charaktere mit ihren unterschiedlichen Weltsichten und Wahrnehmungen zu Tage. Dieser Facettenreichtum macht den Roman umso lesenswerter.
Wie so oft geht Christa Wolf zu Beginn ihres Romans quasi in medias res, was den Einstieg etwas erschwert. Aber spätestens ab dem 2. oder 3. Kapitel wollte zumindest ich das Buch nicht mehr weglegen. Die Gedankenwelten der verschiedenen Personen zogen mich "in das Buch hinein".
Es empfiehlt sich, vorher den ursprünglichen Medea-Mythos zu lesen (und vielleicht auch den über Jason und das goldene Vlies), um erkennen zu können, an welchen Stellen Christa Wolf ihn uminterpretiert - und warum.
Dieser Roman ist wärmstens zu empfehlen für Freunde der gepflegten Sprache und künstlerischen Literatur, für Gesellschaftskritiker und für solche, die sich gerne in andere hineinversetzen. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher!

 

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Medea. Stimmen Medea. Stimmen
Christa Wolf

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medea, mythologie, kolchis, griechenland, jason

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Medea. Stimmen
von Christa Wolf

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