Leser-Rezension zu „Lumpenroman” von Christian Hansen
am 2.09.2010
"Jetzt bin ich Mutter und auch eine verheiratete Frau, aber vor gar nicht langer Zeit war ich eine Kriminelle."
Mit diesem Satz beginnt der Roman.
Erzählt wird die Geschichte zweier Geschwister, die ihre Eltern bei einem Unfall verloren haben und plötzlich ganz allein auf sich gestellt sind.
Für Bianca haben ihre Tage sich verändert, sie sind farblos geworden. Zitat: "Von dem Moment an veränderten sich die Tage, oder vielmehr veränderte sich der Lauf der Tage. Oder vielmehr das, was den einen und den anderen Tag verbindet und zugleich eine klare Grenze zwischen beiden zieht. Auf einmal gab es keine Nacht mehr und war alles ein Dauerzustand von Sonne und Licht."
Anfangs versuchen die Beiden noch, ein geregeltes Leben zu führen, was sich aber mit der Zeit ändert.
Ihr Bruder bringt eines Tages zwei Freunde mit nach Hause. Sie schauen gemeinsam Quizshows und Pornofilme. Hin und wieder geht die Ich-Erzählerin mit einem der Freunde ins Bett - aber nicht aus Liebe.
Eine Stelle hat mich irgendwie beeindruckt - ich zitiere mal:
" Was hatten sie gesehen? fragte ich mich. Was für ein Gesicht, was für Augen hatten sie gesehen? Ich frage mich das nicht oft, aber irgendwann hatte ich mich das sicher gefragt. Jetzt weiß ich, dass es keine Nähe gibt. Irgendwer hat immer die Augen zu. Wenn der eine sieht, dann der andere nicht. Wenn der andere sieht, dann der eine nicht. Nur eine Mutter kann nah sein, aber das war damals das Unbekannte. Nicht Vorhandene. Es gab bloß die Illusion von Nähe."
Die Sprache ist kühl und reduziert - was mich die Geschichte allerdings auch distanziert hat lesen lassen.
Zudem ist das Buch mit nur 109 Seiten schnell gelesen.
Die Buchgestaltung empfinde ich als ansprechend - schwarz mit apfelgrün, auch der Buchschnitt ist grün eingefärbt.

