Darling Jim ist ein echter (Geheim-)Tipp. Völlig anders in seiner Struktur und seiner Erzählweise, wie üblicherweise Thriller aufgebaut sind. (Zum Thema Thriller am Ende mehr) Mit mystischem Hintergrund eignet sich Irland als Land in dem die Geschichte spielt ganz hervorragend.
Ein etwas seltsamer Postbote - Desmond - entdeckt in Dublin-Malahide die Leiche der Maria Walsh. Als die Polizei am Tatort eintrifft, entdeckt sie sehr viel mehr. Ein wahres Grauen erwartet die Beamten am Tatort und noch mehr Tote. Schnell hegt der Leser den Verdacht - bedingt auch durch das Vorwort - das hier mehr passiert sein muss als die Polizei sowie die Nachbarn mit ihren vorschnellen Vorurteilen vermuten. Und Desmond ist der Lösung näher als er denkt. Zum Schluß des ersten Kapitels geht die Geschichte dann in Richtung Mystery.
Der Erzählstil ändert sich ab hier und wird von einem eher sachlich, pragmatischen in einen erzählerischen Stil überführt. Der Leser lernt dann auch direkt den neuen Postboten Niall kennen, welcher von "Geistern" schon unter Beobachtung steht. Und genau ab diesem Punkt wird dieser Roman immer besser und man kann das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Dieser Mix im Erzählstil ist einzigartig, wir finden Anleihen aus der unendlichen Gesichte, "Gänsehaut" sowie aus Gespenster- und Abenteuergeschichten. Eine wundervolle Schreibweise mit tollen Figuren machen dieses Werk zu einem Pageturner erster Güte.
Die Perspektive des Erzählers wechselt stetig. Herrlich frech und spannend wenn Fiona über ihr Tagebuch mit Niall, mit dem Leser, "spricht". Und immer ein Stück geheimnisvoll. Im weiteren Verlauf nimmt der Autor dann das Tempo ein wenig heraus und der Geschichtenerzähler Jim kommt ins Spiel. Welche Rolle spielt dieser undurchsichtige Mann, der abends in der Dorfkneipe alte, irische Sagen in seonchaí Tradition erzählt? Sein wahres Gesicht wird dem Leser schon bald darauf offenbart. Nachdem ein langer Erzählungsbogen im gemächlichem Stil abgeschlossen ist, nimmt Mork wieder Fahrt auf und die Spannung steigt wieder an. Wird Niall das Rätsel lösen, als er zum Ort des Geschehens reist? Mork kokettiert mit dem Thema (Wer-)Wolf und überlässt dem Leser eine lange Zeit seinen eigenen Theorien dazu.
Der letzte Teil des Buches startet dann mit dem "Dialog" über Roísíns Tagebuch. Auch hier - wie bei Fiona - ist es ein erfrischender und frecher Erzählstil. Nach und nach werden kleine Rätsel und Geschehen preisgegeben und doch wartet man als Leser auf die Enthüllung des großen Ganzen.
Dieses Buch ist ein sprachlicher Blumenstrauß mit einem sensationellen Aufbau. Aber: es ist ein Roman mit doppeltem Boden, denn der Autor führt uns von Anbeginn auf eine falsche Spur. Es geht nicht um das klassische "who done it". Nein, dieses Werk will mehr sagen und aussagen. Dennoch ist es auch spannend. Ich finde allerdings einen kleinen Kritikpunkt: warum nennt Piper dieses fulminante Buch Thriller, im Innenteil sogar Psyschothriller? Klar, die Antwort weiss man, aber ich hätte mir da mehr Mut vom Verlag gewünscht. Es ist nämlich so viel mehr als das, es geht um menschliche Abgründe, Rache, Liebe, Selbstjustiz, Moral, um Mythologien, Märchen und menschliche Schicksale. (Abenteuer-)Roman oder sogar Märchen wäre in meinen Augen zutreffender gewesen. Aber das ist der einzige Schönheitsfehler. Ein Buch welches mehr Beachtung in der Öffentlichkeit verdient hat. Ein echtes Meisterwerk!