Die Texte aus Herrn VON ASTERs Feder (oder Notebook, etc.) kenne ich schon eine Weile aus dem Dunstkreis der schwarzen Szene. Das heißt, seine Shortstories. Die waren und sind sehr gewitzt und hintergründig – nicht umsonst gehört er zu den Gastgebern des StirnhirnhinterZimmers, dessen Namen – wie ich meine – Bände spricht.
Aber das alles nur am Rande, denn im Zentrum steht oder liegt hier sein phantastischer Roman „Der letzte Schattenschnitzer“ – „phantastisch“ ist hier explizit Ausdruck persönlicher Anerkennung und literarischer Gattungszugehörigkeit.
Bevor ich auf den Inhalt eingehe, möchte ich das Augenmerk auf die Art und Weise legen, wie von Aster schreibt. Jetzt könnte ich eine Menge schmeichelnder und kunterbunter Adjektive in diese Rezension purzeln lassen, um den Versuch zu unternehmen, seine Art des Schreibens erklären zu wollen. Meiner Meinung nach wäre das vergebliche Liebesmüh, denn bei diesem Autor kommt es nicht darauf an, wie oder was er schreibt, sondern d a s er schreibt. VON ASTER ist nämlich ein Geschichtenerzähler. Einer, der souverän mit seinem Sprach-Handwerkszeug umgeht. So unbekümmert und schelmenhaft, dass man merkt, wie viel Spaß und Freude er beim Schreiben und dem Umgang mit Sprache hat.
Für mich persönlich ist deshalb die Lektüre seiner Texte ein Genuss. Man könnte auch sagen: Ein literarischer Gaumenschmaus (wenn der Bauch das zweite Gehirn sein sollte, dann trifft es dieser Vergleich in zweifacher Hinsicht).
VON ASTER schreibt und erzählt anders und das sollte einem bewusst sein, wenn man nach einem Buch von ihm greift. Er gehört Goth sei Dank nicht zum Mainstream und ich kann nur hoffen, dass dies so bleibt und er trotzdem ausreichend verdient. Ich mag seine Sätze nicht so nebenbei wie Junk Food in mich hineinstopfen, sondern bedächtig genießen und mich vom Plot in meine persönliche VON ASTER-Atmosphäre führen lassen ... voller Düsternis, Nostalgie, schwarzer Romantik und geistreicher Ironie.
Im letzten Schattenschnitzer erfahren wir, dass unsere Schatten weit mehr sind, als ein optisches Phänomen, das auf physikalischen Gesetzmäßigkeiten beruht. Schatten sind eine eigene Art, mit eigenem Leben und eigenem Sein. Das Buch selbst wurde von einem dieser Art verfasst und gibt uns Einblick in die Geschichte der Schatten und der Menschheit. Mysteriöse Dinge geschehen – herrlich Gruseliges – und ... sehr Besorgniserregendes, das bis in die Grundfeste der Alchemie, der katholisch-christlichen Mystik und noch ältere Zeiten zurückreicht.
Andersartigkeit kann auch Besonderheit bedeuten, die allerdings nur zu gern in der gegenwärtigen Kultivierung von Oberflächlichkeiten mit einem Makel, oftmals mit dem Stempel des Krank-Seins abgewertet wird.
Der menschliche Protagonist des Buches, Jonas Mandelbrodt, ist solch ein andersartiger und besonderer Mensch, denn er nimmt seinen Schatten bereits wahr, als er frisch in der Wiege liegt.
Dies ist der Anfang einer komplexen Geschichte, aus der wir erfahren, dass Schatten mehr sind, als die Abwesenheit von Licht. Sie sind lebendes Dunkel und sie begleiten uns und unsere Seele von dem Moment an, an dem wir das Licht der Welt erblicken. Wir teilen vollständig unser Leben mit ihnen und damit all unsere Empfindungen, Eindrücke und Gedanken. Und wenn wir vergehen, dann löst sich auch der Schatten von uns, bis er zu einem neuen Begleiter eines Menschen wird. All unsere Erfahrungen gehen ein in das Schattenreich, über das ein Rat wacht und herrscht. Sie sind das kollektive Schattengedächtnis, in dem sehr viel Macht und damit Verantwortung liegt.
Die alten Magier und Alchemisten, etwas John Dee oder George Ripley, haben nicht nur nach dem Stein der Weisen gesucht, sondern auch mit dem Schattenreich experimentiert. Jedes Kapitel wird mit einer Seite aus Dee’s Alchimia Umbrarum eingeleitet, aus der man nach und nach mehr von den Schatten, ihrem Wesen und Geheimnissen erfährt. Denn die alten Zauberer verstanden, mit ihren Schatten zu sprechen und Einfluss auf sie auszuüben. Aus diesem Wissen begründete sich die Schule der Schattenschnitzer und die erneuerte der Schattensprecher und dieses Wissen ist der Anfang vom Ende. Denn mit ihm und aus ihm erwacht ein Wett- und Widerstreit der Schatten, an dessen Folgen unsere Welt, so wie wir sie kennen, unterzugehen droht ...
Mich hat die Geschichte zu tiefst fasziniert, seit dem ich die Online-Lesung mitverfolgen durfte und von ihr erfahren habe. Sie hat mich von der ersten bis zur letzten Seite begeistert, auch wenn vielleicht nicht alle Register des Genre hätten gezogen werden müssen. Herr VON ASTER hat den Kasten wirklich gerockt und dabei den Spannungsbogen hübsch straff gehalten. Die Vertreter der dunklen Zunft sind übrigens keine Erfindung! Alle alten Meisten haben gelebt und vielleicht ist von ihrem Wirken mehr geblieben, als die Allgemeinheit annimmt ... wer weiß?! Und vielleicht ist sogar Kant’s Imperativ „Sapere aude“ nicht der Wahrheit letzter Schluss.