Mit "Der Anwalt des Königs", dem dritten Band aus der Reihe um Matthew Shardlake, ist Christopher J. Sansom wieder ein authentischer Historienkrimi gelungen, der den Beweis antritt, dass genaue geschichtliche Recherchen dem Aufbau eines spannenden historischen Romans nicht im Wege stehen müssen. Im Gegenteil: Es ist gerade Sansoms Blick für das kleine Detail, welcher hier überzeugt und den Leser einmal mehr geistig in das England des 16. Jahrhunderts katapultiert. In einer Zeit in der "Wanderhuren", "Seidenweberinnen" und "Lebküchnerinnen" das Genre beherrschen, besinnt sich der Autor auf die Ursprünge dieser Literaturgattung und damit auf die Wiedererweckung einer längst vergangenen Zeit. Dafür bedarf es keiner zurechtgezimmerten Liebesgeschichten oder Actioneinlagen. Vielmehr zieht die Handlung ihre Sogkraft aus den realen Geschehnissen der Geschichte, die Sansom als Fundament nutzt, um darauf seinen Plot aufzubauen. Dieser sei hier schnell angerissen:
England im Jahres des Herrn 1541. Matthew Shardlake hat sich nach dem Sturz und der Hinrichtung seines Dienstherrn Thomas Cromwell vor einem Jahr weitestgehend aus dem politischen Geschehen zurückgezogen. Gemeinsam mit seinem neuen Gehilfen Jack Barak bearbeitet er die Fälle seiner Kanzlei, versucht er beharrlich alles dafür zu tun, dem Recht zum Sieg zu verhelfen, ohne dabei abermals ins Visier der Mächtigen zu geraten. Ein Versuch der schnell scheitert, denn als sein eigener Vater urplötzlich stirbt und zu Grabe getragen werden muss, erreicht ihn eine Nachricht von Erzbischof Cranmer. Shardlake, der sich einen weiteren Feind am Hofe nicht leisten kann und zudem dringend Geld benötigt, folgt dessen Ruf und nimmt widerwillig einen neuen Auftrag an:
Heinrich VIII., König von England, plant seit längerem eine Reise in den Norden seines Reiches, um diesen nach der Niederschlagung des "Pilgrimage of Grace" wieder für sich einzunehmen. Es will der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen, weshalb in jeder Stadt Klagen gegen die örtlichen Behörden vorgebracht werden dürfen. Shardlake soll nun als einer der Anwälte des Königs im Tross mitreiten und in York eine Vorauswahl der zu verhandelnden Fälle treffen. Gleichzeitig ist es seine Pflicht den Aufständischen Sir Edward Broderick von dort sicher nach London zu überführen, wo ihm unter der Folter alle Geheimnisse entlockt werden sollen. Eine auf den ersten Blick einfache Aufgabe, die sich erheblich kompliziert, als Shardlake Zeuge eines Mordes wird und sein Blick auf einen Stapel geheimnisvoller Dokumente fällt. Diese ziehen Heinrichs königliche Abstammung stark in Zweifel und scheinen der Gipfel einer Verschwörung zu sein, welche das Ziel hat, den Souverän vom Thron zu stürzen. Während die Grenzen zwischen Freund und Feind verschwimmen, gerät Shardlake aufgrund seines Wissens in höchste Lebensgefahr...
Einmal mehr dient uns der bucklige, prinzipientreue Anwalt Shardlake als Fernrohr in eine lang zurückliegende Vergangenheit, in welcher Englands Thron von allen Seiten bedroht wurde. Der Norden war immer noch alles andere als königstreu und ein erneuter Aufstand stets zu befürchten. Sansom gelingt es hervorragend diese angespannte Stimmung auf Papier zu bringen und das Leben in dem gewaltigen Tross zu schildern, der über Wochen durchs Land zog und als "Great Progress" in die Geschichte einging. Das hat natürlich auch Nachteile: Die vielen Charaktere, potenziellen Verdächtigen und Nebendarsteller machen den Handlungsaufbau sehr komplex und nicht selten droht man in diesem Gewitter von Namen und Titeln den roten Faden zu verlieren. Sansom fordert hier ein hohes Maß an Aufmerksamkeit vom Leser, braucht diese Weitschweifigkeit aber auch um die gewollte Atmosphäre herüberzubringen. Und nach Teil eins und zwei hat man sich mittlerweile nicht nur daran gewöhnt. Auch die Hauptfiguren, um die im Buch gleich an mehreren Stellen gebangt werden muss, sind nun ans Herz gewachsen.
Das die als zentrales Motiv gewählte Blaybourne-Geschichte tatsächlich auf Fakten beruht, sorgt zudem für eine gewisse Faszination, kann jedoch nicht kompensieren, dass Sansom bei der Verschleierung des eigentlichen Täters diesmal kein gutes Händchen hat. Selbst Gelegenheitsleser sollten die Identität ziemlich früh entschlüsselt haben, was der einzige, aber große Kritikpunkt ist, dem Lesevergnügen aber im Ganzen keinen Abbruch tut.
Insgesamt ist "Der Anwalt der Königs" der bisher beste Band der laufenden Reihe, welche mit "Pforte der Verdammnis" begann und im Mai 2010 mit "Das Buch des Teufels" fortgesetzt wird. Eine Empfehlung für alle Geschichtsinteressierten Leseratten und ein Schmöker, den man trotz gewisser Längen nur ungern aus der Hand legt.