Nachdem der erste Band aus der Reihe um den Anwalt Matthew Shardlake für mich zu den diesjährigen Überraschungen im Genre des historischen Romans gehört hat, war es nur eine Frage der Zeit bis ich auch zum zweiten greifen musste, dem der Fischer Verlag mit "Feuer der Vergeltung" (engl. "Dark Fire") erneut einen ziemlich unpassenden Titel verpasst hat. Vergolten wird in diesem Roman nämlich nicht wirklich was, aber in Zeiten von "Todeskünstlern", "Wanderhuren" und "Seelenbrechern" darf man wohl in Punkto Titelwahl nicht hinten anstehen.
Ein falsches Bild gewinnt dadurch der etwaige Leser, denn auch der zweite Fall Shardlakes ist einmal mehr ein sehr verworrener, mit viel Ruhe erzählter Kriminalroman, dem jegliche Action und größeres Blutvergießen abgeht. Im Vordergrund steht neben dem historischen Kontext nun besonders der Schmelztiegel London, der nach dem abgelegenen Kloster im Vorgänger das diesmalige Setting des Romans darstellt.
Wir befinden uns im Jahr 1540. Seit den Ereignissen in Scarnsea sind mittlerweile drei Jahre vergangen und Matthew Shardlake, bei Staatssekretär Thomas Cromwell in Ungnade gefallen, widmet sich wieder ganz seinen Pflichten als Anwalt. Sein neuestes Mandat stellt ihn dabei vor einige Schwierigkeiten. Ein junges Mädchen wurde des Mordes an ihrem Cousin angeklagt und soll zum Tode verurteilt werden. Ihr einziger Fürsprecher ist ihr Onkel Joseph, der an die Unschuld seiner Nichte glaubt und Shardlake beauftragt, ihr Leben zu retten. Doch als dessen Einspruch vor Gericht abgeschmettert wird, scheint nur noch ein Wunder sie retten zu können. Dies erscheint in Form von Cromwell, der die Haft des Mädchens um zwölf Tage verlängert. Dafür muss sich Shardlake erneut in dessen Dienste begeben und in dieser Zeit eine vor langer Zeit verloren geglaubte Formel vom "griechischen Feuer" wiederbeschaffen. Eine Waffe, die Cromwell wieder in der Gunst des Königs steigen lassen und in einem möglichen Seekrieg gegen die Feinde Englands eingesetzt werden soll. Gemeinsam mit dem jüdischstämmigen Barak macht sich Shardlake auf die Suche...
Erneut nimmt Sansom den Leser bei der Hand und führt ihn ins düstere England des Reformationszeitalters, in dem sich keiner mehr vor der Wankelmütigkeit des despotischen Königs sicher glaubt. Wie schon im Vorgänger hat der Autor den historischen Kontext genauestens recherchiert, wenngleich er sich im Falle des griechischen Feuers, wie auch im Nachwort erklärt, einige Freiheiten herausnimmt. Die Atmosphäre des spätmittelalterlichen Londons konnte mich diesmal jedoch nicht so packen, was vielleicht auch daran liegen mag, dass Shardlake und Barak, von deren Auftragserfüllung nicht nur ihr eigenes Leben abhängt, durchgängig von einem Ort der Innenstadt zum nächsten hasten. Das das ihrer 12-Tage-Frist geschuldet ist, leuchtet ein, und dennoch vermag sich Spannung erst im letzten Drittel zu entwickeln. Bis dahin ist viel Fußarbeit zu erledigen, ein ganzer Haufen an Befragungen durchzuführen.
Das da keine Langeweile aufkommt, liegt vor allem an den Figuren, welche Sansom hier wieder glänzend zeichnet und die nicht unterschiedlicher sein könnten. Auf der einen Seite der selbstmitleidige, resignierte Shardlake, dem der reformatorische Eifer abhanden gekommen ist. Auf der anderen der robuste und ungehobelte Barak, der Cromwell ohne Skrupel zu dienen scheint und zwischendurch doch ein weiches Herz offenbart. Von ihrem Zusammenspiel lebt dieses Buch. Ansonsten lässt Sansom die wahren Hintergründe lange im Dunkeln, scheinen die Feinde stets einen Schritt voraus, während sich die zwei Ermittler durch ein Gewirr aus Mord und Intrigen kämpfen müssen. Kämpfen kann nun auch mal wörtlich genommen werden, denn hier wird das im Vorgänger nur durch die Gegend getragene Schwert tatsächlich das ein oder andere Mal gezogen. Ob oder wie die zwei parallel laufenden Handlungsstränge am Ende zusammenkommen, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur soviel: Die Auflösung ist schlüssig, wenn auch nur teilweise überraschend.
Insgesamt ist "Feuer der Vergeltung" erneut ein handwerklich exzellenter Roman, dem jedoch die schaurig-düstere Atmosphäre des Vorgängers fehlt und der mitunter aufgrund einer Vielzahl von Namen sehr viel Aufmerksamkeit vom Leser erfordert. Ein intelligentes Werk, das uns in eine vergessene Zeit entführt und weiter Lust auf die Reihe macht.