Wenn ein Roman sich nicht in die Schmuddelecke einreihen, sondern der Literatur zugerechnet werden, sollte man meinen, ein Autor würde sich ein seriöseres Setting suchen als ausgerechnet das eines Pornodrehs - und dann noch eines Gang-Bangs. Wie viele "sympathische Helden und Heldinnen", mit denen der Leser mitfiebern, in denen er sich wiederfinden könnte, brächte so ein Rahmen auch?! Und wie soll das Zielpublikum aussehen? Literatur für Feingeister sollte dabei nicht unbedingt herauskommen, und was man für eine "geneigte Zielgruppe" halten könnte, würde sich vielleicht lieber gleich den Film reinziehen, denn ein Buch darüber lesen ...
Falsch! - Oder teils, teils. Chuck Palahniuk jedenfalls hat sich nicht gescheut, genau so einen Rahmen für seinen Roman "Snuff" zu wählen. Tief abzutauchen in Niederungen der Rasse Mensch, wenn man so will ... Und er hat damit trotzdem keinen Schmuddelroman verfasst!
Am Anfang kann sich einem leicht der Eindruck aufdrängen, man würde das Treiben auf dem Pavian-Hügel im Zoo beobachten ... Heißt es doch, dass der Mensch die einzige Spezies ist, die sich (im allgemeinen) ungern bei sexuellen Handlungen beobachten lässt, während das anderen Arten eher schnuppe ist. Palahniuk versammelt in seinem Roman ausschließlich Personen, denen es nicht nur nichts ausmacht, sondern die es sogar erstrebenswert finden, derart vor Kameras zu agieren (oder dem zuzusehen) - und sei es nur, um sich eine einzige Minute an der alternden Pornodarstellerin Cassie Wright zu verlustieren, die einmal eine ganz Große in ihrem Metier war.
Palahniuk lässt die Geschichte aus vier Perspektiven erzählen. Drei davon sind Kandidaten des "größten Gang-Bangs aller Zeiten", die einzige weibliche Erzählerin hat diesen mit wasserfestem Filzstift Nummern auf den Oberarm geschrieben und ist auch sonst für die Organisation zuständig. Nr. 72 hält sich für den Sohn der Porno-Darstellerin, gezeugt bei einem Dreh, ausgetragen, aber zur Adoption freigegeben. Diese Idee teilt er allerdings mit vielen anderen, die sich ebenfalls für diesen verlorenen Sohn halten. Nr. 173 war einst Detektiv in einer TV-Serie und möchte sich mittels seiner Teilnahme an dem Dreh von Gerüchten reinwaschen, er sei homosexuell. Nr. 600 schließlich ist selbst ein Dinosaurier im Porno-Business. Er hat viele Filme mit Cassie gedreht - und ist vielleicht der Vater von Nr. 72; der Akt, in dem seines und Cassies Kind gezeugt wurde, flimmert zur Stimulation der Kandidaten als eine Szene von vielen auf den Monitoren im Warteraum, in dem die Männer auf ihren Einsatz harren. Nach und nach und teilweise im stetigen Wechsel mit der Erzählebene Warteraum werden Schlüsselerlebnisse aus dem Leben der drei Männer offenbart, und das liest sich teilweise, als ob man über einen ganz anderen Menschen läse - dabei sind es nur jüngere, weniger zynische, weniger kaputte Ausgaben davon.
Hatte ich am Anfang Schwierigkeiten, mich auf den Roman einzulassen, habe ich das letzte Viertel des Romans in einem durch gelesen. Irgendwann endet für jeder der drei Männer das Warten, jeder kommt zum Zug - wie, das hat mit den wirklichen Ereignissen nicht unbedingt mehr viel zu tun, man liest schließlich aus der Sicht des jeweiligen Erzählers. Der Roman entwickelt zum Ende hin immer mehr Tempo, ein Abgrund tut sich nach dem anderen auf, das alles wird lakonisch erzählt - und trotzdem (oder gerade deshalb) ist dieser Erzählstil angetan, im Leser alle möglichen Empfindungen zu wecken: Ekel, Mitgefühl, Heiterkeit (sogar das), Entsetzen, das und einiges mehr - und alles in stetem, oft abruptem Wechsel. Die Enthüllung über das wahre Kind ist vorhersehbar, was dem Roman an sich aber keinen Abbruch tut. Das Ende hat mit Realität (ich hoffe) nicht viel zu tun, aber es ist ein Ende, das dem Roman an sich genau so und nicht anders gerecht wird.