Leser-Rezension zu „Der Vermesser” von Clare Clark
am 29.12.2007
England im glorreichen Viktorianischen Zeitalter um 1855: Doch nicht alles ist so glorreich an dieser Zeit. Zahlreiche Soldaten kehren, an Leib und Seele verletzt, zurück aus dem Krimkrieg in Russland und wegen mangelhafter Kanalisation stinkt es in London sprichwörtlich zum Himmel, Epidemien drohen.
Der junge Ingenieur und Vermesser William May kehrt nach seiner Verwundung, und wegen der katastrophalen hygienischen Verhältnisse nur knapp dem Tode entronnen, aus dem Krimkrieg heim nach London. Alles lässt sich gut an, er findet sein familiäres Glück in Frau und Kind und auch eine gute Anstellung bei der Stadt als Vermesser verspricht ein gesichertes Leben. Denn in London soll eine neue Kanalisation dauerhaft Abhilfe für die unhaltbaren Zustände schaffen und William May soll maßgeblich daran mitarbeiten. Fortan verbringt May viele Zeit in der unbeschreiblich stinkenden Unterwelt Londons, doch nicht nur um diese zu vermessen, sondern auch um seine unverarbeiteten Kriegstraumata mit Ritzen zu lindern. Und je mehr er erkennt, dass nur sein eigener Blutrausch ihm Linderung verschaffen kann, desto mehr gibt er sich dieser Erlösung in der Einsamkeit der Kanalisation hin und wird somit zunehmend zum Sonderling. Unvermittelt verfängt er sich im Rahmen des Kanalbaus in die Netze aus Bestechung und Korruption. Und als dann in diesem Umfeld ein Mord geschieht, scheint William May der Täter zu sein.
Was dieses Buch so faszinierend macht, ist die gute Mischung aus Krimi einerseits, der atmosphärisch dichten Erzählweise und dem historischen Hintergrund andererseits, aus einer Zeit, die noch nicht allzu fern ist. Das Buch lebt von seiner Flut an Details, die allesamt akribisch recherchiert wurden und glaubhaft in diesem Roman zu Leben erweckt wurden. Man glaubt die Stadt, Kanalisation förmlich zu sehen, fühlen und riechen. Es ist beeindruckend, wie das in dieser Vielfalt über das gesamte Buch hinweg durchgehalten werden kann.
Leider Gottes können die in dieses Szenario gesetzten Personen und die Handlung nicht ganz mithalten. Da wird zwar der Titelheld mit all seiner inneren Zerrissenheit und seinen Obsessionen und Wahnvorstellungen äußerst lebhaft und glaubwürdig geschildert. Doch die ihn umgebenden Personen bleiben häufig farblos. So kommt seine Frau als vermeintlich zentrale Figur oft nur an Rande vor und agiert dann auch nur sehr schwach, wirkt unglaubwürdig passiv. Auch werden hin und wieder weitere Personen groß und breit eingeführt und beschrieben, diese greifen dann allerdings seltsamerweise nicht weiter ins Geschehen ein. Manchmal hatte ich auch das Gefühl, es würden Teile oder ganze Kapitel fehlen.
Ein Buch, welches man weit mehr wegen seiner atmosphärisch dichten Beschreibungen als wegen seiner erzählten Geschichte in Erinnerung behalten wird.

