" Ganz die Deine" ist wieder mal so ein Buch, das ich fast im Vorübergehen aus irgendeiner Grabbelkiste gefischt und erst mal ins Regal gestellt habe. Da stand es nun eine ganze Weile, bis ich das kleine, feine Büchlein am letzten Wochenende zur Hand nahm und neugierig die Folie durchtrennte.
Und: was soll ich sagen? Dieses Buch war ein absoluter Glücksgriff und ließ mich bereits auf der ersten Seite aufgrund des lebendigen Schreibstils schmunzeln. In kurzen Kapiteln, die aus verschiedenen Sichtweisen erzählt werden, erfahren wir die Geschichte von Inés und Ernesto, einem seit 23 Jahren verheirateten Ehepaar. Alles verläuft, nun ja, in gewohnten und geordneten Bahnen, die Leidenschaft wird weniger, aber noch ist alles in Ordnung.
Aber Inés ist misstrauisch, denn bereits ihre Mutter wurde von ihrem Vater verlassen. Sie ist der Meinung, dass jede Frau irgendwann von ihrem Mann betrogen wird. Als sie also in der Aktentasche ihres Mannes einen Zettel mit einem Lippenstiftherz und den Worten "Ganz die Deine" findet, ist sie also weniger entsetzt und enttäuscht, sondern vielmehr neugierig. Um wen es sich wohl handelt?
Nach einem belauschten Telefonat, das ihr Mann angeblich mit der Firma führt, fährt sie ihm hinterher und stellt fest, dass er sich mit einer Dame im Park trifft. Leider (oder vielmehr gottseidank für den Leser) beginnt allerdings mit diesem Treffen der skurrlie Alptraum dieses Buches, denn im Streit stürzt die Geliebte und schlägt mit dem Kopf auf einem Baumstamm auf...
Nach diesem Ereignis beginnt die skurrile Geschichte um Liebe und Hass erst richtig, das Buch strotzt nur so vor unerwarteten Wendungen und glänzenden Einfällen. Kaum glaubt man, ein Sachverhalt sei so, wie er sich darstellt, kommt schon wieder eine neue Person oder ein neues Ereignis um die Ecke, und die Karten sind komplett neu gemischt. Selbst ich als regelmäßiger Thrillerleser war überrascht, wie viele Wendungen glaubhaft eingebaut werden konnten, ohne die Story zur Farce werden zu lassen.
Es entspinnt sich über die Kapitel hinweg eine fein beobachtete, genau sezierte und zu keiner Zeit ins alberne abgleitende Rachestory, die einen so manches mal staunen läßt und mich persönlich an Filme wie "Kopf über Wasser" oder "Jo hasch mich, ich bin der Mörder" erinnert. Auch wenn es in diesem Buch nicht vorrangig um die Beseitigung des Unfallopfers geht...
Dabei ging es mir so, dass meine Sympathien mal bei Ernesto, mal bei Inés lagen, je nachdem, wer die cleverere Karte aus dem Ärmel schütteln konnte. Im Bereich Intrige und Raffiniertheit stehen sich die beiden in nichts nach, und es ist ein Riesenspaß, sich jedesmal zu überlegen, was wohl als nächstes passieren wird - nur um dann doch wieder falsch zu liegen...
Ein wenig verblassend dagegen fand ich die dazwischen erzählte Geschichte von Lali, der sechzehnjähirgen Tochter des Ehepaares. Was nicht heißen soll, dass ihr Schicksal weniger spannend oder berührend ist, aber die Story von Ernesto und Inés hatte mich so am Haken, dass ich nicht erwarten konnte, wie es dort an den verschiedenen Fronten weitergeht.
Daumen hoch und fünf Sterne für dieses schmale Büchlein, das mir mit seinem schwarzen Humor und seiner Scharfzüngigkeit einen verregneten Nachmittag versüßte. So macht mir Literatur Spaß!