Ein hartnäckiges Vorurteil über Clemens Meyer lautet, er könne nur über Kleinkriminelle in Leipzig Ost schreiben. Dass das nichts anderes ist als ein Vorurteil, dürfte mit seinem zweiten Buch geklärt sein – auch wenn einige der Erzählungen im Milieu bleiben. Es ist ja, auch wenn es sich um Literatur handelt, immer schön, wenn Vorurteile entkräftet werden. Trotzdem haben Vorurteile über Schriftsteller auch ihr Gutes: Denn wenn gesagt wird, dass Clemens Meyer nur das eine kann, heißt das ja auch, dass er das sehr überzeugend gemacht haben muss. Es heißt, genau besehen, dass den kritischen Kritikern die Argumente ausgegangen sind und ihnen nichts anderes bleibt, als den Mangel im Können zu finden.
Clemens Meyers neues Buch hat den Untertitel: „Stories“. Gemeint ist die Short Story, auf deutsch „Kurzgeschichte“, eine sehr strenge Gattung, die in Amerika ihre größten Autoren hat, früh mit Edgar Allen Poe etwa, aber natürlich vor allem mit Francis Scott Fitzgerald, Sherwood Anderson und Hemingway. Jorge Luis Borges hat einmal über die Kurzgeschichte gesagt: „Uns fehlt der Optimismus des 19. Jahrhunderts, zu glauben, diese Welt ließe sich auf fünfhundert Seiten einfangen; deshalb wählen wir die kurze Form!“ Genau um diesen fehlenden Optimismus geht es bei Clemens Meyer, der ja mit einem 500-Seiten Roman angefangen hat – „Als wir träumten“ hieß er – er erzählte von Jugendlichen in Leipzig-Ost, von deren waghalsigen Leben, ihren Hoffnungen, von ihren Ängsten und ihrem Rausch. Ein 500-Seiten Roman, der, trotz seines Titels, eine Wahrheit transportiert, eine Wirklichkeit, die, bei allem Optimismus, so nur in kurze Geschichten passt. Dieser Roman, so scheint es mir, hat auch nie versucht, etwas anderes zu sein, als viele kurze Geschichten, die sich zu einem großen Bild zusammensetzen, das man Roman nennt. Jetzt hat Clemens Meyer Kurzgeschichten geschrieben, – und die Feuilletons sind zu recht begeistert. Denn es ist lange her, dass in der deutschsprachigen Literatur klassische Short Storys dieser Qualität geschrieben worden sind.
Die große Zeit der Kurzgeschichte in Deutschland war nach dem Krieg. Autoren wie Heinrich Böll oder Marie Luise Kaschnitz orientierten sich an großen amerikanischen Vorbildern,
Vorbildern, die eine Literatur schrieben, die der des Nationalsozialismus entgegengesetzt zu sein schien. Lakonisch, konzentriert, einfach und sachlich sollte es sein, eine Stunde Null, ein Neuanfang in Trümmern, Trümmern auch einer Literatur, die die letzten 12 Jahre nachzuholen hatte. Es ging um eine Bestandsaufnahme und um die Wahrheit. Wo der Anfang der Existenz ist, war auch der Anfang der Literatur. Nichts war selbstverständlich, nichts war „einfach da“. Was man wollte, musste man sich beschaffen oder erfinden. Damals hat man diese Form der Erzählung, die von ihrer Schnelligkeit, ihrer Direktheit, ihrer Aggressivität und ihrem direkten Gefühl lebt, gebraucht. Die Short Story war provozierend, erregend, sie war eine Waffe gegen Trägheit und Resignation.
Nun kann man wohl die ersten Jahre des neuen Jahrtausends in Deutschland schlecht mit der Nachkriegszeit vergleichen. Aber vielleicht genügt es ja, nach Neukölln, nach Frankfurt ins Gallusviertel oder nach Leipzig Ost zu gehen, dorthin also, wo das Leben aus Enttäuschungen und Kämpfen besteht, um sich der Notwendigkeit von Geschichten bewusst zu werden, wie sie Clemens Meyer schreibt. Er ist der Urtypus eines Literaten: Er lebt dort, wo wir nicht sind, er hat ein instinktives Gespür für Menschen, ihre Geschichten und Abgründe. Entscheidend aber ist nicht der Wohnort von Clemens Meyer und dass er uns davon erzählt. Entscheidend ist seine literarische Kraft, die in der deutschen Literatur ihresgleichen sucht. Entscheidend ist seine erzählerische Unbedingtheit, die die Probleme seiner Helden zu unseren macht. Man steigt mit einem Schritt ungeschützt hinein in jede seiner Geschichten. Oft beginnt so ein Text mit einem Pronomen. Von irgendeiner Person ist da die Rede, sie wird nicht eingeführt, sie ist unbekannt, aber man ist sofort bei ihr, bei ihrem Gefühl, ihrer Angst, ihrer Not. „’Mach’s gut’, sagt sie und nimmt ihre Tasche vom Bett. Ich nicke, und sie geht.“ „Mach’s gut“. So beginnt Clemens Meyers erste Story in „Die Nacht, die Lichter“. Der erste Satz schon verabschiedet sich vom Leser. Sofort ist man gefangen von der Einsamkeit desjenigen, der da zurückbleibt. Die Liebe als Drama der Einsamkeit.
Alle diese Geschichten beginnen mit Momenten, in denen sich etwas zuspitzt.
Trauer, Alleinsein, Furcht. Und immer handeln sie von der kleinen Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit, von schwankenden Glückssuchern, die durch die Städte streifen, durch die Nacht, mit ihren Lichtern. „Als wir träumten“ – der Titel des ersten Romans war Programm, denn es sind Romantiker, von denen Clemens Meyer erzählt. Über Francis Scott Fitzgerald hat er einen wunderbar begeisterten und begeisternden Essay geschrieben, in dem er dessen „Poesie der Schlichtheit“ lobt. Diese Poesie der Schlichtheit, man könnte auch sagen der Wahrhaftigkeit oder der Wirklichkeit, macht auch sein eigenes Schreiben aus.
Und nicht nur das. Fitzgeralds große verzweifelte, sich selbst zerstörende Romantiker, seine sich selbst illusionierenden, von jedem noch so kleinen Hoffnungsschimmer, von jedem fernen Licht am anderen Ufer geblendeten Träumer, diese Erwachsenen, die einmal Kinder waren und darüber nicht hinaus gekommen sind, diese Kinder im Erwachsenenkörper – an sie erinnern die Helden, von denen Clemens Meyers Geschichten handeln.
Wenn Clemens Meyer über Kleinkriminelle und Boxer, über Knastbrüder und Autoknacker schreibt – im neuen Buch auch über einen dicken Lehrer oder über einen alten Mann, der seine Tiere begräbt – dann erzählt er von denen, die ihren Sehnsüchten und Träumen ausgeliefert sind. Ob sie nun in Leipzig leben oder woanders. Meyer kennt, wovon er schreibt. Und damit meine ich nicht das Milieu. „Meyer haut sich rein in seine Geschichten.
Er nähert sich seinen Figuren mit einem genauen, neugierigen und beinahe zärtlichen Blick“, schreibt der Spiegel. „So was hat die deutsche Literatur noch nicht gesehen“, sagt Meyer.
Und da gebe ich ihm Recht. Überzeugt euch selbst.