Leser-Rezension zu „Die Kunst, Chanel zu sein” von Coco Chanel
am 1.10.2009
Eingereicht von Heike H.:
Kein Werkstattbericht, keine Stilberatung und wer wissen möchte, wie es gehen kann, dass aus dem Mädchen vom Lande, Gabrielle Chanel, eine der bedeutendsten Modeschöpferinnen des 20. Jahrhunderts wurde, sollte eine der zahlreichen Biographien über Coco Chanel lesen.
Chanel erzählt in diesem Buch nicht ihr Leben, insofern ist der Titel schon einmal trügerisch. (Diese Irreführung liegt wieder einmal in der Übersetzung. Im französischen Original heißt das Buch L’allure de Chanel und der Untertitel fehlt völlig. Paul Morand hat 1946 Gespräche mit Coco Chanel aufgezeichnet und später herausgegeben.) Madame erzählt also nicht etwa ihr Leben, sie erzählt aus ihrem Leben und betrachtet anscheinend eine Autobiographie als eine Gelegenheit hübsche Märchen zu erzählen: Ihre Kindheit hat sie nicht, wie geschildert, bei zwei lieblosen Tanten verbracht, denen sie es zu verdanken habe, dass etwas aus ihr geworden sei. „Böse Tanten wecken Eroberungsinstinkte“.
Erobert hat Chanel dann auch so einiges, Männer und die Karriereleiter, die sie nach eigenen Angaben ganz allein erklommen hat. Wie sie das getan hat, bleibt leider vage. Eines scheint ihr wichtig zu sein: Dass sie jede Gelegenheit beim Schopfe gepackt hat, von anderen wird ihr das durchaus als Berechnung ausgelegt. Liebkind will sich Chanel mit ihren Erzählungen sicher nicht machen. Warmherzige Erinnerungen an Freunde und Liebhaber sehen anders aus, Chanel beschreibt Menschen gnadenlos, bisweilen kalt und man bekommt das Gefühl, dass sie Menschen manchmal nur sehr schwer ertragen hat. Paul Morand nennt sie in seinem Nachwort Belle dame sans mercy, wohl eine treffende Bezeichnung. Gleichzeitig ist das gerade die Faszination, die dieses Buch hat. Weichgespültes liegt Chanel nicht, sie ist da eher für Leidenschaft, bezeichnet sich als den einzigen „noch nicht erloschenen Vulkankrater der Auvergne“.
Zwischen den erfundenen oder verdrehten Tatsachen fallen besonders die Lücken in Chanels Erzählungen auf. Kein Wort davon, dass sie 1944 in Paris verhaftet wurde, weil man sie für eine Kollaborateurin hielt, kein Wort von Jahren der Erfolglosigkeit. Dafür erhält man Einblicke in den Charakter einer großen Frau, die das Buch mit einer Art Bestandsaufnahme beschließt. Hier wird dann teilweise bitter und mit Bedauern auf das Leben zurückgeblickt, aber auch mit Stolz und einem Lebenshunger, der wohl viel eher als die „bösen Tanten“ für die Lebensgeschichte der Chanel verantwortlich ist.

