"Das winzige Pflänzchen der Liebe in meinem Herzen klammerte sich an jeden noch so zarten
Hoffnungsschimmer, sog jedes Wort auf, als seien es süße Tropfen
des Morgentaus."
(Kuss des Tigers, Seite 456)
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Wo soll man da nur anfangen? Ein Wechselbad der Gefühle liegt hinter mir, eine Hin- und Hergerissenheit, was mein Urteil betrifft, und schließlich ein aufgeregtes, aufgewühltes Gefühl im Magen nach diesem überraschenden Leseerlebnis, dessen Fortsetzung nicht lange auf sich wird warten lassen... glücklicherweise.
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Colleen Houcks Schreibstil ist, wie so oft in Jugendbüchern, sehr zurückhaltend, nüchtern und unausgeschmückt. Mit einem eher umgangssprachlichem Ton schlüpft sie mittels der Ich-Erzählweise in die Rolle von Kelsey, die zwar zu meiner Freude nicht zu oft allzu umgangspsprachliche Worte benutzte, sich jedoch ab und an durchaus eine ihrem Alter angemessene Sprache zu eigen macht, was ich deshalb auch als angebracht empfand. Einzigund allein ihre wortkargen Beschreibungen zu Anfang, während ihrer Praktikumszeit im Zirkus Maurizio hatten mich etwas gestört: Sie hatten zu sehr diesen "Tagebuch-Charakter", ihre Beschreibungen gingen mir viel zu schnell, auf neu angetroffene und auftauchende Personen wurde kaum eingegangen, sodass es mir recht schwerfiel, mir ein getreues Bild vom Zirkus zu machen. Andererseits wiederum wurden eher belanglosere Dinge wie Ort- oder Raumbeschreibungen im Gegensatz hierzu beinahe schon ausschweifend und zu detailliert dargestellt, was sicher nicht gestört hätte, wären den restlichen Aspekte genauso viel Bedeutung, was die Beschreibung betrifft, beigemessen worden.
Zudem war Colleen Houcks Versuch, die indische Mytholgie sanft miteinspielen zu lassen, bei mir zwar nicht unbemerkt geblieben, wurde meiner Meinung jedoch nicht ideal umgesetzt: Sie kamen meiner Meinung nach viel zu kurz, wurden nur hier und da miteingewoben, einem bruchstückhaft hingeworfen und scheinbar gleich wieder vergessen, ohne ein zusammenpassendes Gesamtbild zu ergeben. Gerne hätte ich mehr über diese sagenumwobene Hintergrundgeschichte erfahren, die scheinbar nur so von indischen Legenden inspiriert worden zu scheint, wurde in diesem Punkt allerdings leider enttäuscht. Im Stillen hoffe ich einfach, dass dies in den nächsten Bänden mehr Beachtung finden wird und bin, was meine Vermutung diesbezüglich betrifft, ziemlich optimistisch.
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Die Idee des Handlungsverlaufs an sich empfand ich anfangs als etwas abgedroschen. Eine sagenumwobene Suche nach der Lösung eines Banns, bei der es allerlei Mutproben zu meistern, Geheimgänge zu durchschreiten und Prüfungen zu bestehen gibt, erschien mir etwas langweilig und klischeehaft. Jedoch wurde im Verlauf der gesamten Geschichte zu meiner Überraschung kein Hauptaugenmerk auf diese fantastischen, teilweise magischen Elemente gelegt und blieben eher im Hintergrund.
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So war es demnach nicht verwunderlich, dass sich die ersten Seiten nach meinem Geschmack etwas zogen, stellenweise unnötig in die Länge gezörgt wurden und andererseits sich die Ereignisse wiederum fast schon hektisch überschlugen. So richtig ihren Rhythmus fand die Handlung daher meiner Meinung nach erst nach den ersten 150 Seiten. Von da an war es nämlich auch schon ziemlich schnell um mich geschehen: Denn irgendwo zwischen dem indischen Dschungel und zwei grundverschiedenen, Herzen umspielenden Tigern hatte ich mein Herz an diese Geschichte verschenkt.
Das lag - wie immer - nicht zuletzt natürlich an den Charakteren, wobei es mir hier vor allem die zwar an Zahl geringen jedoch an Charakterstärke scheinbar umso stärkeren Nebencharaktere angetan haben. Obgleich nicht sehr viel von ihnen im Verlauf des Buches preisgegeben wurde, schien doch jeder einzelne von ihnen eine Geschichte hinter seiner kurz auftauchenden Fassade zu bergen- Jeder schien seine ganz eigenen Beweggründe, durch seine Vergangenheit geformte Charakterzüge zu haben und ich bin schon überaus gespannt, ob und wie sie ihre in diesem Band noch relativ kleinen Auftritte in den folgenden eventuell ausweiten werden.
Kelsey, die Protagonistin hingegen war mir zu nach anfänglicher, sofortiger Sympathie zu Mitte des Buches hin etwas suspekt.
Ihre "Stimmungsschwankungen" undgelegentlichen Gefühlsausbrüche, für die man sie zugegebenermaßen manchmal am liebsten hätte schütteln wollen, waren zwar in Anbetracht ihrer Situation womöglich durchaus berechtigt, jedoch wäre sie mir damit, hätte das bis zum Ende hin seinen Lauf genommen, definitiv auf die Nerven gegangen. Ja, das steht zurecht im Konkunktiv, denn glücklicherweise war dies nicht der Fall und sie gewann mit ihrer eigensinnigen, treuherzigen und authentischen Art am Ende schließlichdoch wieder meine ihr gegenüber bereits zuvor entgegengebrachte Sympathie zurück.Zu Ren fehlen mir einfach die passenden Worte. In diesem Punkt geht es mir wohl wie Kelsey: Ich hätte ihn sowohl wütend in den Wind schießen und andererseits schwärmend anschmachten können. Was andere - und insbesondere Dialoge und Szenen zwischen Ren und Kelsey- , wie ich bereits gelesen habe, als Kitsch betitelten, gilt bei mir eher als romantisch und am Ende beinahe schon herzzerbrechend tragisch.Vor allem das Ende lässt einen mit einem Funken Herzschmerz zurück, sodass es nicht verwunderlich ist, dass ich mir den Juni - dem Erscheinungsmonat des zweiten Bandes, "Pfad des Tigers"- regelrecht herbeisehne.
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"Ich war einsam, das ist alles. Wenn man nur von Tarzan und ein paar Affen umgeben ist, dann
macht Tarzan eine ganz schön gute Figur, oder?"
("Kuss des Tigers", Seite 473)
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Fazit:
Eine märchengleiche, orientalische Geschichte, die einen in die morgenländische Ferne Indiens führt, wo gewaltiges Herzflattern und Seufzen garantiert ist. Wer allerdings auf einen hohen Realitätsgehalt Wert legt, oder aber nach einem Buch Ausschau hält, bei dem nicht die Liebesgeschichte, sondern die fantastischen Elemente im Vordergrund stehen, sollte besser vor einer Leseentscheidung einen zweiten, genaueren Blick wagen.
Trotz eines etwas langatmigen Anfangs, und auch wenn es deshalb widersprüchlich klingen mag, kann und will ich diesem Buch dafür keinen Abzug geben. Deshalb gibt es, vollkommen aus dem Herzen und Bauch kommend, volle Wertung.