Leser-Rezension zu „Die große Welt” von Colum McCann
am 18.02.2010
Nach langer Zeit kann ich jetzt endlich wieder eine Rezension schreiben, nein, falsch, ich muss. Ich muss, weil ich dieses Buch nicht unbesprochen lassen kann.
Dieses Buch hat mich mitgenommen, auf eine Reise durch ein Meer an feinen Beobachtungen, in dem mir einzelne Charaktere wie Treibgut näherkamen, bevor sie wieder davondrifteten. Die zwei großen Anker auf diesen über 500 Seiten waren die Geschichte des tiefgläubigen Iren Corrigan, der nach New York kommt, um außerhalb seines Ordens zwischen Huren und Junkies zu leben, und die (auf Tatsachen beruhende) Geschichte des Seiltänzers, der im August 1974 den Abgrund zwischen den Türmen des WTC überquert.
Corrigans Bruder, Corrigans Geliebte, eine Prostituierte aus seiner Umgebung, eine Upper-Class-Frau, die ihren Sohn in Vietnam verlor, und viele andere Menschen, die alle mit diesen zwei Ankern verbunden sind, kommen zu Wort und bilden mit ihren Stimmen ein einmaliges Mosaik. Als geborener Ire hat McCann einen wundervoll amerikanischen Roman geschrieben – episch in der Anlage, ohne jede Eile, vieldeutig, gelassen. Ein sanfter Golfstrom, der einen ganz beiläufig in unbekannte Gebiete trägt.
Ja, dieses Buch hat mich mitgenommen, auch emotional. Denn die Menschen, die einem da näher kommen, vom Leben getrieben, herumgewirbelt, geschubst, gestoßen, fast ertränkt, ertrunken – sie sind alle so echt. So lebendig. So einzigartig in ihrer Identität.
Ich habe ein großes Faible für Menschen, die echt sind. Denen man ihre Macken, ihre Narben ansieht. Und McCanns Figuren sieht man sie an.
Darum lege ich Euch dieses Buch – in seiner schönen Übersetzung von Dirk van Gunsteren – ans Herz. Vielleicht lest Ihr es so langsam wie ich und lasst Euch ganz allmählich hineinziehen in dieses Meer. Hinausziehen in diese große Welt.

