Leser-Rezension zu „Das Krähenweib” von Corina Bomann

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Mr. Rail Mr. Rail
Verfasst von Mr. Rail
am 9.06.2010
 

Es gibt sie noch – die großen historischen Romane. Bücher, die den Leser schon zu Beginn der eigentlichen Geschichte an eine geheime Schatztruhe heranführen. Man öffnet sie und wühlt ein wenig herum, bis man die passende Bekleidung und Ausrüstung gefunden hat, um an der Seite seiner Lieblingsfigur in eine längst vergangene Epoche einzutauchen. Man muss gut wählen, sich gut vorbereiten - sonst wird es gefährlich.

„Das Krähenweib“ eröffnet mir viele Möglichkeiten und ich schlüpfe im Jahre 1701 schnell in die Rolle eines gut betuchten Reisenden durch die Herzogtümer, Kurfürstentümer und Grafschaften eines Landes, das man viel später einmal Deutschland nennen sollte. Regionale Fürsten kämpfen um Macht und Territorien, leben dabei auf Kosten des gemeinen Volkes in Saus und Braus und nähren sich redlich am Blut ihrer Untertanen.

Auf meiner beschwerlichen Reise begegne ich einer mehr als bemerkenswerten jungen Frau. Annalena Habrecht, Gattin eines Henkerknechts aus Walsrode, leidet augenscheinlich unter den Schmähungen der einfachen Bürger und unter der Gewalt ihres eigenen Mannes Mertens. Ihr Stand wird verachtet, niemand will etwas mit den Vollstreckern grausamer Urteile zu tun haben und Mertens ist getrieben von der perversen Lust, seine eigene Frau zu demütigen und sie bei jeder Gelegenheit brutal auszupeitschen, um sie gefügig zu halten. Ihr zernarbter Rücken brandmarkt sie für Außenstehende, da eigentlich nur Huren oder Diebe so behandelt werden. Rechtlos ist Annalena - hilflos jedoch nicht.

Vor die Wahl gestellt, weiter zu leiden oder zu handeln, ergreift sie in einer todesmutigen Aktion die Flucht, in der Hoffnung, ihr Schicksal besiegt zu haben. Ihr Weg führt sie auf Umwegen nach Berlin, wo sie endlich eine Anstellung als Magd eines Händlers findet. Befreit von der Last der Vergangenheit verliebt sie sich in den Apothekerlehrling Friedrich Böttger, der neben ihr jedoch einer zweiten Geliebten verfallen ist. Die Alchemie. Böttger ist auf der Suche nach dem Stein der Weisen und dem Weg aller Wege zum unendlichen Reichtum: er will Gold herstellen, koste es was es wolle - selbst seinen guten Ruf setzt er aufs Spiel.

Annalena verknüpft ihren Lebensweg und alle Liebe, zu der sie fähig ist, mit diesem hoffnungsvollen und hoch talentierten Mann. Dass sie hierbei jedoch nicht die Einzige ist, die um seine Gunst kämpft, wird ihr zu spät bewusst. Böttger wird zum Spielball der Herrscher, die in ihm die Gelegenheit sehen, ihre Schatzkammern zu füllen, um weiter Kriege zu finanzieren. Im Strudel der Ereignisse werden sie fliehend getrennt und erreichen ihr vorläufiges Ziel, das aufstrebende Dresden kurz nach der Wende zum 18. Jahrhundert. Eine weitere Fügung des Schicksals bringt beide, zwar getrennt voneinander aber doch im Herzen untrennbar vereint an den Hof des sächsischen Kurfürsten August des Starken.

Böttgers scheinbare Fähigkeiten machen ihn zum wertvollsten Besitz des Herrschers - und damit zu seinem Gefangenen. „Gold oder der Strang“, so lässt sich sein Arbeiten beschreiben. Und Annalena, nun die Magd der fürstlichen Mätresse, setzt alle Hebel in Bewegung, ihren Geliebten zu befreien um endlich einen gemeinsamen Weg gehen zu können.

Doch sie sind nicht alleine. Preußische Spione und Menschen aus Annalenas Vergangenheit haben die Spur längst aufgenommen und wähnen sich in Dresden am Ziel ihrer Macht- und Rachegelüste.

Annalena spürte, wie sich etwas in ihrer Kehle zusammenzog. „Das Gold“, dachte sie. „Das Gold hat wieder mal gewonnen.“

Gibt es Hoffnung für die Beiden?

Ich könnte es verraten, tue ich aber nicht. Ich steige in meine Kutsche und reise weiter. Ich wurde Zeuge einer tiefgründigen Geschichte, die man sich noch lange am Lagerfeuer erzählen wird. Die Geschichte von Annalena Habrecht, einer mutigen und großen Frau niederen Standes. Mit pechschwarzem Haar und blütenweißer Seele. Eine schillernde einfache Frau, die für mich immer mehr sein wird als „Das Krähenweib“. Und ich lernte Friedrich Böttger kennen, der statt des Goldes etwas entdeckte, das ihn Geschichte schreiben ließ. Diese jedoch steht auf einem anderen Blatt Papier.

Corina Bomann ist es gelungen, historisch belegte Fakten mit ihrer Phantasie anzureichern, den realen Figuren Leben einzuhauchen und ihnen Romanfiguren an die Seite zu stellen, die es einfach gegeben haben muss. Lokalkolorit und eine starke Geschichte zeichnen diesen Roman ebenso aus, wie das detaillierte, historisch fundierte Nachwort zu den verbrieften Personen und Rahmenbedingungen des beginnenden 18. Jahrhunderts. Absolut Lesenswert.

Annalena hat sich das Fliegen selbst beigebracht, egal wie oft sie am Boden lag, oder wer auch immer versuchte ihr die Federn auszureißen. Flieg….

„Denn Krähen leben dann am besten, wenn sie frei sind. Nichts anderes will ich sein.“

***

Corina Bomann - demnächst zu Gast beim Literaturfest in Meißen (11. - 13.06.2010). Wie passend!

 

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Das Krähenweib Das Krähenweib
Corina Bomann

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Das Krähenweib
von Corina Bomann

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