Leser-Rezension zu „Die Abendröte im Westen” von Cormac McCarthy
am 23.02.2011
Eigentlich verwährt sich "Die Abendröte im Westen" dem was ich aus einem "gewöhnlichen" Roman kenne: einem erkennbaren Plot. Die Hauptfigur, der der Leser auf ihrer Reise folgt, hat in der Geschichte nicht die Funktion, die ich aus anderen Roman kennen gelernt habe. Ich habe das Gefühl, dass es in dem Roman nicht um den "Jungen" geht, sondern der Junge dazu da ist, dass der Erzähler ihm folgen kann.
Letztendlich ist "Die Abendröte im Westen" ein literarischer Reisebericht. Anstelle eines Plots steht die Reise. Anstelle der Handlung stehen die erschreckenden Ereignisse vor dem Hintergrund der Indianerkriege, die sich im Laufe der Reise durch Mexiko zutragen.
Der Roman wird getragen von einer düsteren Stimmung, von der Ungeheuerlichkeit der Szenen, die McCarthy beschreibt. Szenen, die McCarthy durch seine prägnante Sprache zur Geltung bringt. McCarthy hat den amerikanischen Schreibstil nicht nur verinnerlicht, er hat ihn perfektioniert.
Der heimliche Star des Romans ist der Richter. Seine Bösartigkeit sucht seinesgleichen, gepaart mit seiner Intelligenz, die ihn nur umso gefährlicher erscheinen lässt. Bei der Äußerung seines Selbstverständnisses musste ich beim Lesen laut auflachen, was mir noch nicht oft passiert ist. "Alles was in der Schöpfung ohne mein Wissen existiert, existiert ohne mein Einverständnis."
Fazit: Der Roman ist nicht für Jedermann, insbesondere wenn man spezifische Erwartungen an eine Geschichte hat. Vielmehr werden hier historische Ereignisse in Szene gesetzt. Es gab einige gefühlte Längen, trotz der Kompaktheit des Romans (etwa 370 Seiten). Aber die großartige düstere Atmosphäre und die Figur des Richters machen einiges wieder wett.

