Wer sich noch nicht mit Grint, Eiter und Co. auskennt, sollte in die qualvolle Geschichte Alienors von Sassenberg eintauchen - und zwei Lesezeichen bereithalten, dazu unten mehr.
Aber nun von vorn: Dagmar Trodler lässt mittels Ich-Perspektive den Leser eigentlich wohl im Regelfall die Leserin in Alienor von Sassenberg im Rheintal schlüpfen. Sie ist die Tochter eines mittelmäßig begüterten Grafen. Ihre Mutter und der Großteil ihrer Familie wurden von den Erschwernissen des Lebens im 11. Jh. dahingerafft. Die kleine Schwester Emilia und der cholerische, geizige Vater sind alles, was ihr bleibt. Sie lebt wie die Heilige Barbara eingesperrt auf dem Sassenberg und Dagmar Trodler, um es vorweg zu nehmen, versteht es hervorragend, den Leser auf den Bergfried in das vergangene Jahrtausend zu entführen.
Dagmar Trodler spannt uns zunächst nicht auf die Folter, wenn es darum geht, in die Geschichte einzuführen - das kann nicht jeder, da schließe ich mich ein. Zu beginn nämlich, bringt Vater Albert von Sassenberg einen Wilddieb von der Beizjagd mit, einer jener ungezählten Ereignisse, zu derer Alienor nicht mitgenommen hat. Zunächst glaubt Alienor, der geschundene, gedemütigte Wilddieb sei tot, wird aber bald eines Besseren belehrt. Die Odyssee ihres Herzens, wenn man so sagen darf, beginnt zur Christnacht, wo sie dem Gefangenen gegenüber, dem Vorbild ihrer verstorbenen Mutter folgend, Mildtat mit Brot und Wein erweist, und in seinen blauen Augen versinkt. Auf S. 390 soll der Leser auch erfahren, dass sich der Gefangene bei dieser ersten Begegnung in die Grafentochter verliebt hat, aber das glaubt man nicht, denn die 390 Seiten, die dem Geständnis vorweggehen, sprechen eine ganz andere Sprache.
Sowieso finde ich, dass Dagmar Trodler zwei Tenore anschlägt: zum einen die romantisierende, bildreiche Sprache einer jungen Frau, die sich den Konventionen tapfer entgegenstellt, zum anderen das rationale Abwiegen einer jungen Frau, die versucht, den ertragreichsten Weg zu gehen.
Der Gefangene entstammt offenbar edlem Hause. Alienors Vater kann weder durch Folter noch durch Demütigung erfahren, wer der ominäse Fremde ist. Kurzerhand beschließt er den halb tot gefolterten Menschen seiner Tochter als Sklaven, Reitknecht, zur Verfügung zu stellen. Sie soll seinen Namen in Erfahrung bringen - selbstverständlich durchschaut der Sklave dieses Motiv sogleich. Und ab diesem Schachzug der Autorin wartet die geneigte Leserin auf den ersehnten Kuss. Der folgt auf S. 393! Bis dahin heißt es: Tage und Nächte durchlesen, um die schmerzhaften Peitschenstriemen, Lanzenverletzungen, Verbrennungen, Eiterwunden, Wundbrände, Kratzer und Herzschmerzen durchzustehen. Ein wirklich gekonnter Schachzug, die Leserin bei der Stange zu halten.
In der Tat müssen der Sklave, Hans (Hans!), der nach wie vor seinen Namen und Herkunft verweigert zu nennen und Alienor einige Abenteuer durchstehen, denn die Sassenburg wird durch den missgönnerischen Heimbacher Nachbarn belagert und Hans (!) soll als Spion fungieren, wobei er verwundet wird - die besagte Lanze - und im Sterben liegt (nicht zum ersten, nicht zum letzten Mal).
Alienor vergisst die Kriegsansage des Nachbarn und flieht bei Nacht und Nebel zum Versteck des Sklaven. Auf dem Sterbebett gesteht Hans (!) seine edle Herkunft als Erik von Schweden, Sohn des schwedischen Königs. Die Tortur geht weiter. Hans, nein von nun an Erik, braucht ärztliche Hilfe. Da gibt es Naphtail, den Juden auf der Sassenburg, der im Kellerlabyirnth seine Laboratorien und orientalischen Medizien hat. (Kellerlabyrinthe mit einem angeschlossenene paradiesischen Garten dürfen nicht fehlen, wenn eine Romanze noch nicht zu Ende ist!) Auf dem Weg zurück zur Sassenburg, welcher an die drei, vier Tage nimmt und jeder Augenblick dem Leser haarklein geschildert wird - und der Leser will auch das Bad des nackten Hühnen im Weier und die Prophezeiung der Kräuterhexe, Alienor würde einst einen Prinzen ehelichen, wissen, auf dem Weg zur Sassenburg jedenfalls müssen die beiden sich doch endlich ineinander verlieben - tun sie sicherlich, aber nicht offiziell ;-)
Aber will der Leser seine Identifikationsfigur verstümmelt, entstellt, verbrannt, gebrandmarkt sehen?
Das frage ich mich, die ich meinen eigenen Erik "Im Land der Sümpfe" ebenfalls habe brandmarken lassen - ein totaler Zufall, Dagmar Trodlers Buch habe ich diesen Sommer erst entdeckt.
Will und kann die geneigte Leserin sich mit einer Heldin identifizieren, deren Gesicht durch eine quer über dasselbe verlaufenden Narbe entstellt wird und deren Haare zuerst abgebrannt, dann kurzgeschoren werden, identifizieren? Hier bricht Dagmar Trodler mit der Konvention. Der Leser will auf jeden Fall wissen, wie sich die heidnische von der christlichen Religion unterscheidet. Hier beruft sich Dagmar Trodler in verbissener Wiederkehr auf die altnordische Liederedda und an dieser Stelle lernte ich sehr viel über meine eigenen Fehler als Autorin: Das Glossar. Dagmar Trodler hinterließ ein Glossar, in dem es nicht in alphabetischer, sondern chronologischer Reiehnfolge zugeht und von Querschlägen nur so hagelt, denn Latein, Altnordisches, Hebräisches ... alles wird einfach runtergetextet und wenn man Glück und das oben erwähnte zweite Lesezeichen parat hat, findet man auch als trainierter Glossarist die passende Übersetzung von Eriks nordischen Aussprüchen. In der Tat ist es verblüffend, wie Erik zwar des Deutschen innerhalb kurzer Zeit mächtig wurde, aber die simpelsten Dinge in seiner Muttersprache sagt. Da hatte es mein eigener Erik leichter, den habe ich das Deutsche von Kindesbeinen an gelehrt, dann kommen solche Logikfehler nicht auf,. Hier verrät sich die collagehafte Arbeitsweise Dagmar Trodler. An mancher Stelle, zum Beispiel, als die Heldin eine Wassersetzung mitmachen musste, damit in der Gottesprüfung und vor der Hochzeit mit dem Kuchenheymer (ein sehr passender Name für den ungeliebten, stets alkoholisierten Anverlobten der Alienor) festgestellt wird, dass sie Jungfrau und vom Sklaven, den sie und der jüdische Arzt nach Einkehr in die Burg für tot erklärten, obschon er im besagten Kellerlabyrinth zusammen geflickt wird und auf die Liebe wartet - im wahrsten Sinne - jedenfalls bei solchen Szenen wie diesem Wassergang beschleicht mich der Verdacht, dass die Autorin absichtlich dramatisieren und auch noch einen Hexenprozess anschneiden wollte. Wenn schon denn schon.
So wirkt der Roman zuweilen übervoll von Mittelalter-Klischees, jedes Thema muss abgerissen werden: der unaufrichtige Abt, der kluge Jude, die todkranke Schwester, der auf Vorteil bedachte Vater, die rebellierende Tochter, der fremdartige Hühne, die Kräuterhexe, das Gasthaus im Wald, der einsame Weier (sie hinterm Baum, lüstern ihn beobachtend, der Schauprozess ... Da klingeln einem die Ohren und man ertappt sich beim Ausspruch: das auch noch!
Aber es ist gut, es macht Spaß zu lesen.
Wie gesagt, folgt die Leserin fieberhaft der Hassliebe zwischen aufrichtiger Christin und stolzem Heiden und darf im letzten Viertel des Romans Zeugin der erfüllten Liebe sein, aber es wäre zu einfach: Erik nimmt Alienor mit nach Schweden, alles wird gut. Aber dem ist nicht so. Dagmar Trodler lässt sich Zeit mit und den Leser warten auf das letzte Wort.
Es folgen "Freyas Töchter"
und "Die Tage des Raben" - eine Trilogie.
I.Hübner, September 2011