"Im Auge des Winters" ist die Fortsetzung seines früheren Horrorromans "Sommer der Nacht". Die Wiederaufnahme der Geschichte von "Sommer der Nacht" geschieht im Roman 41 Jahre später. Aus den 11-jährigen Kindern wurden im "Im Auge des Winters", solange sie überlebt haben, somit über 50-jährige Personen.
Auffällig sind zunächst die unterschiedlichen Längen der beiden Romane, hatte der erste noch etwas über 800 Seiten ist der nun zu besprechende knapp 400 Seiten lang, hinzu kommt, dass die jeweils neu beginnenden Kapitel großzügig auf einer neuen Seite beginnen. Dieser Umstand ließ in mir Zweifel aufkommen, ob die Fortsetzung nicht ein Schnellschuss sein könnte, ohne wirklich die Qualität und Tiefe erlangen zu können, wie der erste Teil diese aufwies.
Zunächst verhärtete sich dieser Verdacht, zeigte sich doch eine - so schien es mir - große emotionale Distanz und des geringen Zeitlassens für den Aufbau der Stimmung und Handlung.
Aufgrund dessen fiel es mir schwer, mich in die Geschichte einzufinden, die Emotionen der Charaktere nachzuempfinden, gar mich mit ihnen zu identifizieren. Dies verstärkte noch die Tatsache, dass die Geschichte imaginär von jemand anderem aus dem ersten Teil erzählt wird. Diese Person übt Literaturkritik und verurteilt zu dem Buchrezensten und Literaturkritiker. Es soll aber noch deutlich werden, dass dies als Stilmittel eingesetzt wird, um die Wirkung des Endes noch zu unterstreichen. Anders ausgedrückt, könnte es auch heißen, dass mit dem Ende, diese Literaturkritik seinen Sinn bekommt.
Zudem fällt die Identifikation mit den Hauptfiguren im Laufe der Geschichte leichter, da die Distanz u. a. zu Dale, dem Protagonisten, aufgrund der u. a. stärker beschriebenen Gefühle, geringer wird.
Die Geschichte basiert auf Henry James Kurzgeschichte "Das glückliche Eck", die auf "Im Auge des Winters" einen erheblichen Einfluss hat und das Ende mitgestaltet, zumindest um eine Deutungsmöglichkeit reicher macht.
Dan Simmons gestaltet das Ende als recht offen, es wird nicht erklärt - außer vielleicht, wie schon eben angedeutet, durch die Kurzgeschichte "Das glückliche Eck", wie es möglich ist, dass die Geisterscheinungen auftreten, auch warum und vorallem wie. Dies ist aber auch nicht unbedingt notwendig, um bspw. die Geschichte abzuschließen - der Autor stellt lediglich einen großen Spielraum für den Leser zur Verfügung, damit sich dieser das selbst erklären kann.
Aufgrund der vielen Bezüge und Themen (altnordische Mythologie, Henry James, altenglische Sprache, Ehebruch, ...) die diese Geschichte komplex, interessant und spannend machen, ist es trotz der Kürze ein lesenswerter Roman.
Da die Geschichte zu sehr auf das Hauptwerk basiert, ist es allen interessierten Lesern zu raten, sich erst auf "Sommer der Nacht" zu stürzen, welche eine grandiose Geschichte ist, und dann erst diesen Roman zu lesen.