Verkorkster Gottesdiener
Kürzlich bekam ich eine Einladung für das Amazon Vine Programm. Unter einer großen Auswahl durfte ich mir zwei Artikel zum Testen aussuchen. Überglücklich wählte ich zwei Bücher aus, die zu meinen Lieblingsgenres gehören. Darunter der Thriller „Leise stirbst Du nie“ von
Daniel Annechino.
Wieder ein Autor, von dem ich bislang noch nie etwas gelesen hatte. Auf der Seite des Ullstein-Verlages erfuhr ich dann, dass dieses Buch bereits der 5. Roman des in San Diego, Kalifornien, lebenden Schriftstellers ist. In den USA erschien es im Selbstverlag und entwickelte sich zum Internet-Bestseller. Schauen wir mal.
Der Klappentext:
„Du hast gesündigt. Dafür wirst du sterben.
Ich weine nicht länger. So also werde ich sterben.
Er wird den kalten Stahl benutzen.
Ich schließe meine Augen und beginne zu beten...“
klang in jedem Fall schon mal interessant. Inhaltlich wird überhaupt nichts verraten und trotzdem liefen mir kalte Schauer über den Rücken. Das Cover mit der blutigen Hand versprach Grausiges. Obwohl ich im wahren Leben kaum einer Fliege was zuleide tun könnte, bin ich beim Lesen doch ganz schön blutrünstig. Manchmal denke ich, damit lebe ich meine dunkle Seite aus.
Katz und Maus
Hammerhart beginnt dann das Buch. Im Prolog erlebe ich, dass ein offensichtlich schwer gestörtes Monstrum eine Frau schlimmste Qualen erleiden lässt, die sie fast ohne erkennbare Gegenwehr über sich ergehen lässt. Sein wirkungsvolles Druckmittel – ihr Kind!
Anschließend, lerne ich das Monster auch schon namentlich kennen und erfahre einiges über seine Vorgehensweise. Ein weiteres Opfer ist in seiner Gewalt, das nächste schon ausgespäht. In dem Moment ist mir klar, dass es für mich als Leser kein Rätselraten um den Täter geben wird. Es wird wohl eher auf ein Katz- und Mausspiel zwischen dem Täter und den Ermittlern Sami Rizzo und Alberto Diaz hinauslaufen. Fragt sich nur, wer dabei die Katz ist …
Alle Klischees bedient
Den Thriller „Leise stirbst Du nie“ habe ich in relativ kurzer Zeit durch geschmökert. Bei meiner Bewertung bin ich jetzt allerdings sehr zwiegespalten. Der Prolog aus der Perspektive des Opfers war ein guter Anfang. Ein Psychospielchen, denn grausige Details wurden nicht ausgeschlachtet sondern lediglich spannungsvoll angedeutet. Dass ich im Anschluss daran sofort den Täter kennenlernte, empfand ich auch nicht schlimm, denn in adäquatem Lesestoff aus dem Genre habe ich in der Vergangenheit schon erlebt, dass so etwas durchaus funktionieren kann.
Doch schon die etwas ausführlichere Wiederholung der Szene aus dem Prolog, mit einer anderen Frau und deren Kind - in der inzwischen vom Autor gewählten Erzählperspektive - machte die vorherige Wirkung zunichte. Bei der danach folgenden Einführung der Ermittler wurde die Geschichte dann richtig vorhersehbar. Die Detektivin Sami Rizzo passte als Mutter einer zweijährigen Tochter perfekt in das Opferschema und es war nur eine Frage der Zeit, wann sie denn in der Erlösungskammer des Täters landen würde. Zur Überbrückung dieses Zeitraumes bediente sich der Autor zwar noch eines Nebenstranges, der aber letztendlich auch unspektakulär war und eben nur als Lückenfüller diente.
Weiterhin wird die Geschichte mit so ziemlich allen gängigen Klischees behaftet, die man als Vielleser amerikanischer Thriller so kennt. Druck von Oben, Kompetenzgerangel, private Unzulänglichkeiten, Alleingänge und uneingestandene Gefühle auf Seiten der Ermittler, demgegenüber ein gut aussehender Täter mit perfekten Umgangsformen, verkorkst durch eine schlimme Kindheit, dem lediglich das Bauchgefühl der Ermittlerin auf die Spur kommt.
Allerdings muss ich zugeben, dass es gerade die privaten Unzulänglichkeiten waren, die es geschafft haben, mir die Ermittler irgendwie sympathisch zu machen. Mit den Opfern und ihren Kindern hatte ich großes Mitgefühl – die Mutter in mir kann ich einfach nicht verleugnen. Auch einige Begebenheiten, die ich aus der Vergangenheit des Täters erfuhr, ließen mich nicht kalt. Und da sich das Buch trotzdem insgesamt sehr leicht lesen ließ, fieberte ich im Showdown doch ordentlich mit.
Alles in allem ist aber alles so gekommen, wie ich es schon im dritten von insgesamt 26 Kapiteln vorher sah. Das nachfolgende Happy End empfand ich dann sogar fast ein bisschen zu dick aufgetragen und noch realitätsferner als die gesamte Ermittlungsarbeit. So hat dieser Thriller auch keinerlei nachhaltige Wirkung auf mich. Man kann ihn lesen, um ein paar Stunden seichte Unterhaltung zu haben, letztendlich ist aber alles schon einmal in spektakulärerer und stimmigerer Form dagewesen. Schade!