Aus dem abenteuerlichen Leben eines ehemaligen Dream Teams...
Wenn Daniel-Domscheidt-Bergs Buch den Untertitel Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt trägt, dann sollte man schon ungefähr wissen, was einen erwartet: Ein persönlicher Bericht, eine chronologisch am eigenen Leben entlang ERZÄHLTE Geschichte aus der Vor- und Hochzeit von WikiLeaks, voller Details und Anekdoten, mit Beschreibungen statt mit Definitionen. Letztendlich offen im Ergebnis, dabei idealerweise romanhaft und spannend geschrieben, um dem Leser die eingebauten Analysen und Technik-Exkurse schmackhaft zu machen.
Das funktioniert ausgesprochen gut, was nicht verwundert, denn eigentlich ist die Geschichte von WikiLeaks eine Wahnsinns-Abenteuergeschichte, die 5 Freunde und der Server der Gerechtigkeit gewissermaßen oder Emil und die Detektive im 21. Jahrhundert: Eine Handvoll Computer-Nerds mit einem maroden Server lassen globale Unternehmen den Schwanz einziehen und führen ganze Nationen an der Nase herum. Das ist eine großartige Geschichte, und es ist großartig erzählt. David gegen Goliath – und Goliath ist chancenlos! Zu schön, um wahr zu sein.
Die WikiLeaks-Story ist auch eine Art NGO-Startup-Geschichte: Aus dem Hinterzimmer an die Weltmacht in vier Jahren. Leider war nach diesen vier Jahren wegen interner Probleme auch erst mal Schluss mit dem Aufstieg. Dazu ist im Buch vieles zu lesen, mit viel Ehrlichkeit, Trauer und Herzblut geschrieben: Trauer um die vernachlässigten Ziele der Organisation und Trauer um eine enge Freundschaft – und auf diese gewesene Freundschaft richtet sich jetzt die ganze mediale Aufmerksamkeit. Die Personen rücken auf Kosten der Inhalte in den Mittelpunkt. Alle stürzen sich auf die Gefühle, weil das Sachliche eigentlich eher unsexy und abstrakt ist.
Die schon vielfach aufgegriffenen Anekdoten– um Leberkäse und „Katzentraining“, um vermüllte Aktivistenzimmer und offene bzw. geschlossene Fenster, Julian mit Europalette als Tarnung auf dem Rücken in der Wiesbadener Innenstadt, Julian nächtelang vor der Laptop-Tastatur kauernd – sind das überleitende Moment, sie ergänzen und stützen den argumentativen Teil des Buches durch Beschreibungen. Deshalb sind diese Anekdoten nicht so böse, wie sie oft dargestellt werden, sie machen vielmehr die Personen lebendig, vielschichtig, bei allen Defiziten doch auch liebenswert. Naja, bei Julian fällt das Lieben irgendwann schon schwer.
Klar, Julian wird als äußerst schwieriger Mensch beschrieben, aber seiner Faszination kann man sich auch als Leser lange nicht entziehen. Er ist verrückt, aber cool. Mit dem nötigen Größenwahn, um ein unglaubliches Projekt auf schnellstmögliche Weise zu einem gigantischen Erfolg werden zu lassen. Ein charismatischer Ironiker, der Rollen wechselt und Identitäten erfindet, wie andere ihre Kleider wechseln. Keiner weiß, woher er kommt, keiner weiß, wohin er geht und wer genau er ist. Ein perfektes Idol, dieser slackerhafte Superheld. Ein geborener Popstar. Als Freund, Chef oder Schatzmeister allerdings eher weniger geeignet.
Ganz im Gegensatz dazu Daniel, ein unglamouröser deutscher Informatik-Ingenieur, der antritt, um der gerechten Sache, der größtmöglichen Transparenz nämlich, in präzise geregelten Abläufen zum Erfolg zu verhelfen. Transparenz auch in eigener Sache ist eines seiner wichtigsten Ziele, das gibt seinem Buch etwas Bekenntnishaftes, etwa wenn er gesteht, er habe Julian zeitweise gehasst. Redlichkeit und Moral erscheinen als seine obersten Werte, für die er auch auf eigene Kosten kämpft und notfalls mit dem Kopf durch die Wand geht. Er kommt mir vor wie einer der letzten echten Idealisten – was ihm in unseren idealismusfernen Zeiten natürlich als Egotrip ausgelegt wird.
So mysteriös Julian ist, so verlässlich, bodenständig und strukturiert wirkt Daniel. Er hätte die Untergrundzelle, die die Welt erobert, gerne professionalisiert und zu einer Art ordentlich strukturierter Whistleblower-„Behörde“ gemacht, damit die politisch gewollte Anarchie des Projekts nicht im Chaos und der Intransparenz versinkt. Aufmerksamkeit erringt man auf diese Weise natürlich eher nicht.
Eigentlich sind der Popstar und der Ingenieur ein Dream Team, sie ergänzen sich auf geradezu ideale Weise, gerade weil sie so extrem gegensätzlich sind. Wenn sie sich hätten einigen können, dann hätte aus WikiLeaks eine ganz große Sache werden können – das NGO-Pendant zu Google oder Facebook. Aber das war wohl unmöglich.
Wenn man den Tenor in den unzähligen Artikeln und unflätigen Foren-Kommentaren mit dem tatsächlichen Inhalt des Buches vergleicht, dann begreift man schnell, warum dieses Buch nötig ist: Hier werden Infos zu WikiLeaks von einem Insider ausführlich und im Zusammenhang dargestellt, die in den Medien oft bruchstückhaft, teilweise auch falsch mit viel Phantasie zusammengeleimt werden. Und eine persönliche Notwendigkeit hat das Buch natürlich auch für seinen Autor, der sich die Deutungshoheit über sich selbst und seine ehrenamtliche Arbeit der letzten Jahre von den Medien und aus den Foren zurückholt. Wer an der Wahrheit interessiert ist, muss auch dieses Buch über WikiLeaks gelesen haben!