Wohl so ziemlich jeder Leser des ersten Teils „Gut gegen Nordwind“ war am Ende wie vor den Kopf gestoßen, als Emmis E-Mail nicht mehr Leo, sondern nur noch den automatischen Systemmanager erreichte. Mit einem etwas einseitigen und kratzbürstigen Dialog zwischen eben diesem und Emmi beginnt nun diese Fortsetzung. Leo ist in Boston und hat seine E-Mail Adresse zunächst auf Eis gelegt, doch Emmi weigert sich standhaft, den Kontakt zu ihm völlig abzubrechen, bis sie auf einmal wieder eine Antwort bekommt- und die kommt nicht vom Systemmanager. Leo ist zurück!
Was eigentlich schon beendet war, flammt wieder auf und die beiden finden zu alter Redekunst zurück. Doch Leo hat sich verändert, er hat eine Freundin in den USA. Emmi gibt sich zunächst gleichgültig, stichelt jedoch immer wieder in Leos und vor allem in Pamelas Richtung. Dabei hat sie genug eigene Probleme in ihrer zerrütteten Ehe mit dem weitaus älteren Musiker Bernhard, weshalb einst die erste Verabredung mit Leo gescheitert war.
Doch nicht so dieses Mal.
Die Beziehung zwischen den beiden ist sehr viel schwieriger als im ersten Band und das liegt nicht nur daran, dass sie sich dieses Mal wirklich im realen Leben treffen, sondern auch, weil sie mit ihrer Vergangenheit aufräumen müssen und dabei die aufsteigenden Gefühle füreinander immer noch nicht wahrhaben bzw. ignorieren wollen.
Zwar ist der unverwechselbare Emmi&Leo Humor nicht gänzlich verloren gegangen, aber dieser Teil ist um einiges tiefgründiger. Besonders Leo wirkt bis kurz vor Schluss kühler, zögerlich und zurückgezogen.
Aus kleinen Flirteiern, die in „Gut gegen Nordwind“ noch spaßig abgetan wurden, werden in „Alle sieben Wellen“ schnell ernst, driften aber streckenweise schon leicht ins kitschige Liebesgesäusel ab. Gerade als Emmi und Leo glauben, das sie ihre Chance auf eine gemeinsame Zukunft, auch außerhalb des World Wide Webs endgültig vertan haben, begeht Leo einen folgenschweren Fehler, der sich am Ende vielleicht doch noch als Glücksfall entpuppen wird.
Mit hat dieser zweite Teil sogar noch besser gefallen als der erste. Zwar ist etwas von dem teils doch sehr bissigem Schriftwechsel der beiden verloren gegangen, aber beide Charaktere wirkten hier ehrlicher und somit auch natürlicher. Manchmal möchten man Leo durchschütteln oder ihm beim tippen auf die Finger schlagen, wenn er wieder einmal seine Unsicherheit durchblicken lässt. Eine Unsicherheit, die immer wieder auch auf Emmi überschlägt. Doch am Schluss bekommen beide das, was sie verdienen, was sie sich erhofft und erträumt hatten. Dieser zweite Teil war aus meiner Sicht bitternötig, um die wirklich schöne Geschichte von Frau Rothner und Herrn Leike ein würdiges Ende zu gestatten.
Ich kann trotz eigener, anfänglicher Zweifel jedem nur das Hörbuch dieses Briefromans ans Herz legen.
Beide Sprecher, Andrea Sawatzki (Emmi) und Christian Berkel (Leo) haben eine sehr schöne, angenehme Stimme und passen wirklich gut zu den beiden Protagonisten, deren Stimmungen bzw. Gefühle sie in jeder Szene exzellent interpretiert haben.