Leser-Rezension zu „Winters Knochen” von Daniel Woodrell
am 10.02.2012
Ree Dolly ist ein sechzehnjähriges Mädchen, das mit ihrer pflegebedürftigen Mutter und zwei kleinen Brüdern in einer heruntergekommenen Hütte im Hinterland von Missouri haust. Die Familie lebt jenseits des Existenzminimums und Ree hat allein die Verantwortung für die Familie. Eines Tages erfährt sie vom Deputy-Sheriff, dass ihr Vater erneut wegen eines Drogenvergehens angeklagt ist und das Haus, den einzigen Besitz der Dollys, für seine Kaution verpfändet hat. Ree hat keine Ahnung, wo ihr Vater steckt, aber wenn er nicht vor Gericht erscheint, dann wird ihre Familie ihr Zuhause verlieren und auf der Straße sitzen. Sie macht sich auf die Suche nach ihrem Vater und muss ihn innerhalb einer Woche finden - oder den Behörden seine Leiche präsentieren.
Wie brutal die Einhaltung dieser Gesetze durchgesetzt wird, muss Ree bald am eigenen Leib erfahren. Nicht nur, dass sie innerhalb des Verwandten- und Bekanntenkreises auf eine Mauer des Schweigens trifft, das Vergehen ihres Vaters muss so schwerwiegend sein, dass alle akzeptieren, was mit seiner Familie passiert.
Winters Knochen bietet einen depremierenden Blick in die Lebenswelt des White Trash, so völlig fern von allem, was man ansonsten in US-Serien zu sehen bekommt. Familien im amerikanischen Hinterland, die nur dank erlegter Tiere genug Essen haben, um nicht zu verhungern. Statt Hustensaft gibt es Whiskey mit Honig für die kleinen Brüder. So lange, bis Ree feststellt, dass ihnen der „Sirup“ viel zu gut schmeckt. Alle Konflikte werden mit den Fäusten oder Waffengewalt gelöst, Alkoholsucht ist weit verbreitet und die Haupteinnahmequelle ist die Produktion von Crystal Meth, einer sehr billigen und sehr gefährlichen Droge.
Trotz dieser bedrückenden Lebensumstände ist die sechzehnjährige Ree zwar desillusioniert, aber noch nicht völlig verbittert. Sie tut, was getan werden muss, ohne lange darüber nachzudenken, womit sie dieses Leben verdient hat, und ohne darüber zu klagen. Ihre Entschlossenheit ist bewundernswert und sie lässt sich von niemandem einschüchtern. Ree ist eine Figur, die stets ihre Würde behält, selbst wenn sie brutal verprügelt in ihrem Blut und Kot liegt.
Winters Knochen ist ebenso erschütternd wie spannend, die Sprache prägnant und eindringlich. Die Geschichte wird niemanden kalt lassen.
Die hochgelobte Verfilmung gewann den großen Preis beim Sundance Film Festival und die Hauptdarstellerin wurde für einen Oscar und einen Golden Globe nominiert.

