Leser-Rezension zu „Unendlicher Spaß” von David Foster Wallace

Rezension als hilfreich gekennzeichnet: (82)

Mr. Rail Mr. Rail
Verfasst von Mr. Rail
am 28.11.2009
 

Hier liegen sie nun gestapelt, vorwurfsvoll schmollend neben mir. 

“Die Karte meiner Träume” unter dem “Winter in Maine”, zwischen “Limit” aber über “2666” und scheinen miteinander zu kommunizieren. Sie lachen und wollen Recht behalten - sie schauen mich an als wollten sie sagen “Siehst Du - wenn Du auf “Unendlicher Spaß” verzichtet hättest, dann wären wir jetzt Teil Deines Lebens, unsere Bilder wären die Deinen" und sie fragen, "Na Raily, hat es sich gelohnt auf uns zu verzichten, uns zwei Monate lang zu ignorieren?”

Und ich frage mich, ob sie Recht haben.

Unendlicher Spaß ist die Geschichte einer modernen amerikanischen Gesellschaft, die unter einem Schleier aus Kommerz, Sucht, Ablenkung und Oberflächlichkeit versinkt, und in der sich das Individuum nur in tiefer versagensangstbedingter Depression oder durch Drogenabhängigkeit der brutalen Realität entziehen kann.

Dieses Amerika ist nicht mehr imperialistisch - nein im Gegenteil - Experialismus ist die Maxime des Handelns. Eigene Territorien werden dem Nachbarn Kanada aufgezwungen, um dann aus diesen ehemaligen US-Gebieten riesige Mülldeponien entstehen zu lassen. Aktivistengruppen ersinnen einen einzigen, Erfolg versprechenden Plan um ihr Land zu befreien und den großen Nachbarn mit seinen eigenen Waffen endgültig zu besiegen.

Der angehende Tennisprofi Hal Incandeza erlebt den zermürbenden Leistungsdruck in der vom Doping verseuchten Tennisakademie in Boston. Sein Bruder Orin ist vor diesem Druck geflohen und hat nach einer Affaire mit der schönsten Frau der Welt, Joelle, nie mehr rechten Boden unter die Füße bekommen. Ihr Vater James hat kurz vor seinem Selbstmord einen Film mit ebenjener Joelle produziert. Die Unterhaltungspatrone (so werden diese DVDs sehr passend bezeichnet) heißt “Unendlicher Spaß” und man sagt dem Film nach, dass er den Betrachter in eine tödlich endende Abhängigkeit versetzt. Seit James` Suizid gilt der Film als verschollen. 

Die Kanadischen Freiheitskämpfer, durch misslungene Mutroben an Rollstühle gefesselt, setzen alle verfügbaren Hebel in Bewegung, um in den Besitz dieser Patrone zu gelangen und der amerikanischen Gesellschaft durch Veröffentlichung im Kabelnetz den unterhaltsamen letalen Fangschuss zu versetzten.

Sie ziehen ihr Netz eng und enger, bis letztlich nur der direkte Zugriff auf die unmittelbar am Film Beteiligten und die Familie des Regisseurs zum Masterplan reift.

Ja - ich frage mich am Ende des Buches, ob mein Stapel der ungelesenen Schätze Recht hat. Ich habe mir durch das Lesen des “Unendlichen Spaßes” quasi selbst die Patrone an den Kopf gesetzt, bin der Unterhaltung erlegen und habe anderen Werken dauerhaft entsagt. Ich versank in den Bildern, kann nicht mehr an Mikrowellengeräten vorbeigehen ohne darüber nachzudenken, wie man sich darin umbringen kann; denke bei Frauen mit Designer-Handtaschen an transplantierte Außenkunstherzen, die von einem Taschendieb gestohlen werden könnten; sehe in Rollstuhlfahrern potenzielle Anarchisten; lache bei dem Gedanken, dass es auf der Welt zu einem gegeben Zeitpunkt immer nur eine begrenzte Anzahl an Erektionen gibt; bekomme die Geschichte mit dem Besen einfach nicht mehr aus dem Kopf und ich weiß Schönheit jetzt wie folgt zu definieren: “…als hätte sich das Licht der ganzen Welt verdichtet und Gesichtsform angenommen.“

Ich bin der Sucht erlegen - ich kann das Buch nicht empfehlen, nur davor warnen. Man muss wissen auf was man sich einlässt und es dann mit jeder Faser des Geistes tun. Wenn man sich einlässt, dann erwartet den Leser von David Foster Wallace ein Meilenstein moderner Literatur.

Ich bin auf Entzug und werde versuchen, bei meinen verschmähten Büchern Zuflucht zu finden - was ich jetzt brauche ist ein Marschflugkörper von einem Beruhigungsmittel...

 

Kommentare zu dieser Rezension

Annne vor 8 Monaten

Welch' ein Spaß !!! DANKE für diese überaus gelungene Rezension ! Bin gerade mittendrin - gefangen sozusagen. Und ja, auch ich bin süchtig und denke jetzt schon mit Schrecken an den unvermeidlichen Entzug. Aber noch ist es nicht soweit, bin noch gefangen und muss noch nicht nach DA DRAUSSEN.


Binea vor 1 Jahr

Ein Buch - ein wichtiges Buch - auch ungelesen hat es mir den schönsten Tag meines Lebens gegeben. Danke David Foster Wallace.


Mr. Rail vor 1 Jahr

Seit Januar 2011 auch als Taschenbuch bei Rowolth erschienen - trotzdem noch ein Klotz von einem Buch - aber ebenso lesenswert wie kaum ein Zweites....


Gelöschter Benutzer vor 1 Jahr

Ich muss dieses Buch auf jeden Fall lesen! Vielen Dank für diese Rezension...


Dein Kommentar zu dieser Rezension

Unendlicher Spaß Unendlicher Spaß
David Foster Wallace

(82)  

329 Bibliotheken, 41 Leser, 7 Gruppen, 21 Rezensionen

drogen, usa, tennis, roman, amerikanische literatur

Kaufen bei amazon.de
Unendlicher Spaß
von David Foster Wallace

Teilen