Leser-Rezension zu „Unser allerbestes Jahr” von David Gilmour
am 14.07.2010
Finde den magischen Moment
“Keine ruhige Minute ist seitdem mehr für mich drin“, sang Reinhard May schon 1979. Eine gesungene Liebeserklärung an seine Kinder, geschrieben von einem Vater aus Leidenschaft und Überzeugung. Ein solcher Vater scheint auch David Gilmore zu sein. Sein Buch “Unser allerbestes Jahr” ist ebenfalls eine Liebeserklärung. An seinen John Jesse. Aber auch an das Leben an sich. Und das macht die besondere Magie des Buches aus.
David Gilmour wagt einen mutigen Schritt. Sein Sohn Jesse ist etwa 16 und ein notorischer Schulschwänzer. Aus lauter Verzweiflung bietet sein Vater im einen Deal an. Er darf sofort die Schule verlassen. Unter zwei Bedingungen: Keine Drogen und jede Woche zwei bis drei Filme mit seinem Vater ansehen. Der “Filmclub” wie das Buch im Original heißt startet sofort. Und hat etwa für die nächsten drei Jahre bestand. Durch diese Zeit begleitet der Leser Jesse und seinen Vater. Eine lehrreiche und unterhaltsame Reise.
David Gilmour will seinem Sohn helfen erwachsen zu werden. Der Schritt Jesse die Schule zu erlassen ist nicht geplant. Zu diesem Zeitpunkt scheint er dem Vater einfach unausweichlich. Auch die Bedingungen sind nichts lange überlegtes, sondern eher Ausdruck der spontanen Entscheidung. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang.
Ein Experiment das sich durch seine leicht zugängliche Prosa wunderbar liest. Interessant ist neben der persönlichen Entwicklung Jesses auch die Filmkunde die das Buch enthält. Gilmour ist in seiner Heimat Kanada ein anerkannter Filmkritiker und Fernsehjournalist. Er hat die Gabe sein großes Fachwissen amüsant und geistreich zu präsentieren. Er weckt die Lust sich die Filme unbedingt selber ansehen zu wollen. Auch als Erziehungsratgeber taugt dieses Buch hundertmal besser, als irgendwelche wissenschaftlich angehauchten Beratungslehrbücher. Hier schreibt jemand aus dem täglichen Leben ohne erhobenen Zeigefinger. Er weiß nicht, was der nächste Tag bringen wird. Das ist spannend und authentisch.
Um seinen Sohn dazu zu bringen sich die Filme gern anzusehen, entwickelt der Vater das Spiel Finde-den-magischen-Moment. Also die Szene, den Dialog oder auch nur eine Einstellung im Film die das besondere ausmacht. Diese Aufgabe kann man in Bezug auf “unser allerbestes Jahr” weitergeben. Ich bin sicher jeder findet dort seinen eignen magischen Moment.

