Rebecca flucht gern. Außerdem verteilt sie Flugzettel vor der Uni, gegen Rassenhass, gegen Diskriminierung und für ihre sozialistischen Tugenden. Rebecca mit den scharfen weißen Zähnchen, dem unpassenden verschmierten, knallroten Lippenstift. Eine kleine, ganz normale Frau. Schwerer schwarzer Mantel, schwarze Leggings, kurzes Jeanshemd und schwarze Mütze im Sowjet-Stil. "Was dagegen, wenn ich mich hierher setze?" "Ja, hau ab!"
Rebecca küsst wie ihre politische Gesinnung: radikal, unerschrocken, kompromisslos. Ihre Schneidezähne mahlen gegen die meinen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir einander den Zahnschmelz abgeschmirgelt haben. Sie schmeckt nach gegorener Hefe, nach Golden Virginia und dem fetthaltigen Lippenstift.
Two Tribes, Relax. Joy Division, The Cramps. Kate Bush. Für Brian Jackson ist Kate Bush die Größte. The Man With The Child In His Eyes. Brian ist 19 und hat eine Haut wie ein Vulkan, Apri-Peeling oder straffende Destillate machen blutende Stellen. Brians Kumpel, Spencer & Tone wünschen sich nur eins: das er auf der Uni, wo er Englische Literatur studieren wird, nicht komplett zum Arsch wird.
Brian will beim University Challenge mitmachen. Fragen über Fragen. Er muss ins Team.
Sein Vater starb, als er zwölf war und er kann sich ihn nicht ohne glimmende Zigarette im Mundwinkel vorstellen. Er saß mit ihm vor dem Fernseher und versuchte, die Fragen zu beantworten.
Brian glaubt nicht, dass er jemals im Leben so nah an etwas so Schönem drangewesen ist. Es gibt natürlich Schönheit in Büchern oder in einem Gemälde, aber er glaubt nicht, dass er bis zu dem Zeitpunkt, an dem Alice Harbinson neben ihm auftaucht, jemals wahre Schönheit erlebt hat, nicht bei einem lebendigen, warmen, weichen menschlichen Wesen, das man anfassen kann, jedenfalls theoretisch. Die Farbe von Alice Harbinsons Lippen lässt sich am besten beschreiben mit...
Alice ist sein Traum, vorerst heimlich, seine Besessenheit.
Mit dieser Besessenheit geschlagen geht Brian mehr oder weniger blind durch den Alltag an der Uni, sieht nicht, wie seine Freunde ihn wirklich sehen, außerhalb seines mit spätpubertären Auswüchsen geplagten Körpers. Sieht nicht, wer es tatsächlich ernst mit ihm meint, ohne sich hinter seinem Rücken über ihn lustig zu machen. Brians Sexleben tendiert gen Null ohne jemals die Startlinie verlassen zu haben. Brian will ins Team. The Challenge. Er macht bei der Aufnahmeprüfung mit. Alice sitzt hinter ihm. Durch seine Hilfe kommt sie ins Team. Er wird mit 51% richtigen Antworten Ersatzmitglied. Er gibt nicht auf. Die Hepatis-Infektion eines vor ihm qualifizierten Teammitglieds verschafft ihm seinen ersehnten Platz und somit die Gelegenheit, zumindest beim wöchentlichen Training Alice zu sehen.
Alice - er lädt sie zum Dinner, sie bekommt ihre Valentintagskarte, bekommt die große Rolle im Theaterworkshop und einen Lover im Schrank.
Einen Tag vor der Fernsehaufzeichnung des Challenges lässt ein Mann im Schrank Brians Hirngespinste zerplatzen. Er betrinkt sich sinnlos.
Seine Mum kommt zur Veranstaltung, sie sitzt im Publikum, er stinkt nach Gin. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf.
Ein geniales Werk über einen über den steinigen pickligen Weg zum Erwachsenenwerden, Unialltag, FirstLove, Abtrennung vom Elternhaus. In einer stets ironisch angehauchten Stimmung gibt uns David Nicholls Gelgenheit, dabei zu sein. Mittendrin. Würde ich einen Roman schreiben, er müsste so sein wie „Keine weiteren Fragen“. Ein größeres Kompliment kann man einem Roman nicht machen.
Und obwohl Alice wahrlich eine Göttin ist muss ich nochmal fragen: wie war das, mit den Küssen mit Rebecca?