Um eine Rezension zu einem Buch zu schreiben, sollte man sich logischerweise vorab darüber im Klaren sein, ob einem das vorliegende Werk gefallen oder eben nicht gefallen hat. Nur was tun, wenn man sich gerade in diesem Punkt nicht entscheiden kann?
„1983“, der Abschluss von David Peace' „Red-Riding“-Quartett um die Morde des Yorkshire-Rippers, hat mich gänzlich ratlos, verstört und irgendwie auch gefühlsmäßig taub zurückgelassen, denn wo bereits die vorherigen vier Bände mit ihren Stakkato-Sätzen, ihrer dreckigen Gossen-Poesie und dem vielen Leid zwischen den Seiten erschüttert haben, da reizt das Finale des Zyklus die vorhergehenden stilistischen Mittel bis auf Letzte aus, so dass man als Leser keinerlei Gelegenheit für Empfindungen oder gar Eindrücke hat. Stattdessen werden uns die Sätze geradezu um die Ohren geprügelt, die undurchdringliche Düsternis wie mit einer Gießkanne über unseren Köpfen ausgeschüttet. Hut ab vor demjenigen, dem das nicht an die Substanz geht und der immer noch abgeklärt die Trennlinie zwischen Fiktion und Realität zu ziehen vermag. Mir ist das nicht gelungen. Ganz im Gegenteil: Die Lektüre des Buches war ein Faustschlag in den Magen, der richtig weh tat, was nicht zuletzt daran lag, dass die Geschichte, welche einen Großteil der Handlungsstränge der ersten Bände verknüpft und schließlich bündelt, auf erschreckende Art und Weise Wörter zu Bildern formt und das atemberaubende Erzähltempo keinerlei Verschnaufpausen oder gar Zeit zum Nachdenken gewährt. Kurz zur Story:
Yorkshire, Mai des Jahres 1983. Erneut beherrscht Angst die Bevölkerung von Nordengland. Ein Schulmädchen ist nicht nach Hause gekommen und wird vermisst. Niemand will sie gesehen haben, keinerlei Spuren sind zu finden. Detective Chief Superintendent Maurice Jobson leitet die Ermittlungen und fühlt sich unwillkürlich an eine Reihe von Kindesentführungen aus der Vergangenheit erinnert, welche er nie aufklären konnte. Als der Druck durch die Öffentlichkeit steigt, setzt die Polizei alles daran, einen Sündenbock zu finden. Innerhalb weniger Tage wird ein Verdächtiger präsentiert, der lange Zeit mit dem verurteilten Kindermörder Michael Myshkin befreundet gewesen ist. Doch bevor man ein Geständnis aus ihm rausprügeln kann, begeht er in der Untersuchungshaft Selbstmord. Oder war es gar Mord?
Der Rechtsanwalt John Piggott stellt auf Anfrage der Mutter des jungen Toten eigene Nachforschungen an und entdeckt dabei mehr als ihm lieb sein kann. Gibt es wirklich eine nähere Verbindung zwischen dem aktuellen Entführungsfall und Michael Myshkin? Oder hat die Polizei selbst ihre Finger im Spiel? Piggott stößt auf einen kriminellen Schmelztiegel der Gewalt, der bis in die späten 60er Jahre zurückreicht und dabei gleichzeitig immer wieder auf einen Namen: Maurice Jobson, genannt „die Eule“ …
Wer nun anhand dieses kurzen Ausschnitts Lust auf „1983“ bekommen und den Titel kurzerhand im Internetbuchhandel in den Warenkorb geschmissen hat, der kann diesen getrost wieder von dort löschen. Ohne Kenntnis der vorherigen drei Bände bleibt dem Neueinsteiger dieses Werk vollkommen unverständlich und verschlossen, da sich Peace' unkonventioneller Schreibstil gegen jeden Versuch des schlichten Verstehens sperrt und die Spannung vielmehr aus dem Gesamtkonstrukt seine Kraft bezieht, als durch die allgemein bekannten Stilelemente eines Kriminalromans. Sorgfältige polizeiliche Ermittlungen, Forensikarbeit, Verfolgungsjagden, Showdowns oder ein soziopathischer Serienkiller, in „dessen Visier“ der Ermittler gerät – hier vollkommene Fehlanzeige. Und auch wenn es immer wieder zu Wiederholungen kommt, lose Fäden aus den Vorgängern weitergeführt und verknotet werden - selbst der treue Leser, der sich bis hierhin durch das gesamte Quartett gekämpft hat, muss immer wieder vor diesem Kaleidoskop aus hässlichster Gewalt, Korruption, Verderbnis und ekelhafter Perversion kapitulieren.
Mit „1983“ entzieht sich das Quartett endgültig dem Versuch, diese Reihe mit irgendetwas anderem in Vergleich zu setzen. Mag die Erwähnung Ellroys auf dem Rückendeckel dem Abverkauf dienlich sein, inhaltlich entbehren solche gezogenen Parallelen jeglicher Grundlage. Peace' Stil ist schlichtweg einzigartig. Und wo andere zumindest zwischenzeitlich immer mal wieder Lichtblicke gönnen, herrscht im Yorkshire der frühen 80er Jahre undurchdringliche Finsternis. Die Brutalität ist schonungslos, gönnt dem Leser nie eine Pause und verletzt, ja, verstört. Ob Ich-Erzähler Maurice Jobson, Ermittler und Verbrecher in einer Person, oder der aus der Du-Form berichtende Anwalt John Piggott. Einen „Guten“ gibt es, wie schon in der gesamten Reihe, auch in „1983“ nicht. Nur verschiedene Abstufungen der Farben Grau und Schwarz. Es ist eine Tristesse, welche direkt nach dem Herz greift. Eine Dramatik, die unter der Oberfläche kocht, um sich schließlich in einem apokalyptischen Ende zu entladen. Egal, was man Schlimmes erwartet hat. Peace' drastische Bilder übertreffen unsere dunkelsten Erwartungen, verlangen alles ab. In diesem Fall ist die Veröffentlichung innerhalb der „Heyne-Hardcore“-Reihe wahrlich mehr als passend.
Die erhoffte Weiterentwicklung hinsichtlich der Art und Weise der Erzählung bietet „1983“ leider nicht. David Peace ist sich weiterhin treu geblieben, hat seinen Schreibstil mit den vielen Wiederholungen, Song-, Wort- und Satzfetzen sowie verschiedenen Erzählperspektiven allerdings noch konsequenter in Szene gesetzt, was dazu führt, dass auch die aufmerksamsten Leser den wirren roten Faden immer seltener verfolgen werden können. Deswegen an dieser Stelle ein Tipp: Ein jeder, der dieses Mammutwerk in Angriff nehmen will, tut gut daran, alle vier Bände möglichst zeitnah hintereinander zu lesen, um nicht (wie ich) aufgrund von Gedächtnislücken die geschickt inszenierten Verkettungen zu übersehen und sich damit einen Teil der Faszination dieser Reihe zu rauben. Diese wird sie jedoch nur auf diejenigen ausüben, die die Brillianz in Peace' Sprachgewalt und die intelligente Konzeption hinter dem Ganzen erkennen. Wer nur auf Unterhaltung aus ist, seine Seele baumeln und sich in fremde Gestade träumen will, ist hier gänzlich ans falsche Buch geraten.
Nach Beendigung der Reihe bin ich weder begeistert noch enttäuscht. Stattdessen überwiegt Erleichterung. Erleichterung darüber, es bis zum Ende durchgestanden zu haben. Viele Fragen sind nach „1983“ endlich beantwortet, einige vielleicht auch mangels der notwendigen Aufmerksamkeit zumindest bei mir immer noch offen. (Was ist mit Eddie Dunford passiert? Welche Rolle verkörpert der geheimnisvolle Reverend? Etc. ) Dennoch: Das „Red Riding“-Quartett ist ein sprachlich epochales Werk, das man unter künstlerischen Gesichtspunkten sicherlich loben und wertschätzen, aber ganz sicher nicht mögen muss. Mit Abstand die härteste Literatur, die ich bis hierhin gelesen habe und, wie ein Rezensent auf der Krimi-Couch schrieb, „ein besonderes Erlebnis“.