Der Supermarkt ist das Museum des postmodernen Menschen
Könnte es wirklich stimmen, dass man die meiste Zeit außer Haus in seinem Leben in Lebensmittelläden, im Supermarkt, im Kaufhaus verbringt?
Als Supermärkte werden Läden erst bezeichnet, wenn ihre Verkaufsfläche über 400 m² und der Nonfood-Anteil nicht mehr als 25% beträgt.
„Der erste Supermarkt überhaupt hieß Piggly Wiggly Supermarket, ein Amerikaner namens Clarence Saunders hatte ihn im Jahr 1916 in Memphis, Tennessee eröffnet. Mr. Saunders hatte die simple, damals jedoch revolutionäre Idee, Kunden sich im Laden selbst bedienen zu lassen, was hieß, daß ihnen erlaubt würde, sich zu nehmen, was ihnen gefiel, und sie diese Dinge selbst zur Kasse trugen.“
Soweit. So gut. Neu daran ist aber, dass David Wagner diesen nahezu tristen, fast hektischen Alltagsgegenstand, das Einkaufen von Nahrung zum notwendigen Überleben, dieses Regulat so mancher menschlichen Existenz zum literarischen Alleingegenstand macht und darum eine Geschichte baut, die sympathisch leicht, locker, allzu zwischenmenschlich verständlich und irgendwie einfach nur hinreißend geschrieben ist.
Der 1971 geborene Autor, bereits mit so einigen literarischen Preisen versehen, eröffnet diesen Supermarkt-Roman ganz spöttisch mit den Worten: „Lange bin ich gar nicht gern in Supermärkte gegangen.“ Nur, mag man meinen, um darauf einen inneren Monolog des von seiner Frau L. verlassenen Mannes folgen zu lassen, der auf 159 Seiten in 148 Kapitelchen von Produkt zu Produkt schlendert, ab und zu etwas in seinen Einkaufswagen legt, in Fußnoten über Quergedankengänge berichtet und generell so in Gedanken versunken zu sein scheint, dass die Geschichte sich hin und wieder im leicht Phantastischen zu bewegen scheint.
Zumindest im nicht mehr Normalen, im Schauen hinter das, was man normal nennen würde. Im Wahrnehmen – ein Vorgang, der, einmal bedacht, vielleicht gar nicht mehr anders sein kann, als es dies im Roman „Vier Äpfel“ der Fall ist.
„[In] einer Ecke des Supermarkts, in der ich, so kommt es mir vor, noch nie gewesen bin, ja die mir bisher noch nicht einmal aufgefallen ist, sehe ich ein hohes Glasregal. Als ich näher komme, erkenne ich, daß es sich um ein in einzelne Fächer unterteiltes Aquarium handelt, in dem menschliche Körper schwimmen.“
Ganz reell und im Nebenher der anderen Erlebnisse während des Einkaufes erzählt der recht einsame Protagonist von der Entindividualisierung im Kaufhaus, von der Angst der Matrix, vom Glauben des Verlustes an die Technik, der Unentschiedenheit im Leben und der Faulheit, auf die Technik zu verzichten.
„Kaufe ich richtig ein? Kaufe ich das Richtige? Kaufe ich gerecht? Habe ich vielleicht Milch von unglücklichen Kühen in meinem Wagen? Hätte ich nicht doch besser die in Glasflaschen nehmen sollen? Hat das Schwein, dessen Wurst ich essen werde, Antibiotika bekommen?“
Zum politischen Diskurs wird das Einkaufen. Zur wahren, zur wirklichen Entscheidung im Kreisel der Wirtschaft. Jeder kleine Griff nach einer Zutat für den nächsten Kuchen, jeder Genuss frischer Milch – in der allzu glatten Ernährungspyramide ganz oben angesiedelt – wird zur Tendenz, zum möglichen Bruch der eigenen, eigentlichen Prinzipien.
Dabei, so der Einkäufer, der Geschiedene von L., kommt es ihm „sehr entgegen, daß sich die Rückgabe der Pfandflaschen automatisiert hat […]. Es war mir oft ein wenig peinlich, Bierflaschen und nicht besonders sorgfältig gespülte Joghurtgläser anzureichen, weil ich so verriet, was ich alles zu mir nahm.“
Walter Benjamin schrieb in seinem Aufsatz über den Flaneur in Baudelaires Werken einmal, dass dieser Müßiggänger, dieser Bummler durch die Straßen der Stadt im Nirwana verschwände, dem Tod anheim gegeben wäre, wenn das Kaufhaus die Führung übernehme.
„Wenn die Passage die klassische Form des Interieurs ist, als das die Straße sich dem Flaneur darstellt, so ist dessen Verfallsform das Warenhaus. Das Warenhaus ist der letzte Strich des Flaneurs“, schreibt Benjamin in seinem Aufsatz, der sich noch mit den Anfängen einer modernen Dichtung auseinandersetzte.
Tatsächlich ist der Flaneur, wenn man ihn noch so bezeichnen kann, in Juri Andruchowytschs Roman „Moscoviada“, der 2006 bei Suhrkamp erschienen ist, ein Stadtbummler, der durch den Eintritt in das Kaufhaus der finsteren Metropole durch eine Hintertür in die Tiefen der Kanalisation gerät und dort auf den KGB trifft. Hier wird der Flaneur, der Dichter, zum gnadenlosen Verriss.
Auch der bemitleidenswerte Single, der in einem Berliner Supermarkt zum Helden der Geschichte in Daniel Wagners Roman wird, ist kein Flaneur per se. Da begegnet dem Leser kein Dandy, kein Betrachter, keiner, der die Mengen durchschauen und aus ihnen Material saugen kann. Aber dennoch ist dieser Figur ein scharfer Blick für die Wirklichkeit gegeben, die er gnadenlos ehrlich zu beschreiben weiß.
„Was sich nicht bewährt, verschwindet aus den Regalen, was sich nicht verkauft, fliegt aus dem Sortiment. Der Supermarkt ist ein Museum der Dinge und Marken, die sich gehalten haben, ja der zeitgenössische Ausstellungsraum überhaupt.“
Die Kunst liegt im wahren Leben. In der Betrachtung des Hier und Jetzt, mag man sich nach der Lektüre des Buches sagen. Beim Lesen folgt die eigene Denkweise immer wieder nickend und verstört bestätigend den Ausführungen des Erzählers. Und dass ein einziger kleiner Gang durch den Supermarkt zur literarischen Idee und gelungenen Umsetzung dieser werden kann, changierend zwischen dem Jetzt des Supermarktlistenabarbeitens und dem Damals der Erinnerungen, die zwischen den Gängen und überall eigentlich hängen, das zeigt dieser kleine, aber wirklich feine Roman von David Wagner.
Sehr interessant ist auch, dass die Einbindung von ‚Zutexten‘, einem Kassenzettel, einer Einkaufsliste hier zur fiktionalen Ausgestaltung beitragen. Man beobachtet diese in modernen Stadtromanen (wie Döblins „Berlin Alexanderplatz“) schon aufgekommenen Moden wieder häufiger. Nichts ist hier allzu stilfest, von der Ich-Perspektive einmal abgesehen. Dieser Roman unterhält, bricht seinen Erzählstil, weiß von mehr als nur einem kleinen Einkauf am Nachmittag zu erzählen, nämlich das Leben in seiner Mosaikgestalt darzustellen.
Der sehr schöne, die Augen des Lesers erfreuende Drucksatz muss unbedingt erwähnt werden. Dieser mit Lesebändchen versehene, im Cover irgendwie niedlich daherkommende Roman ist eine rundum gelungene Herbstneuerscheinung.
Erstveröffentlichung auf sandammeer.at