„Das Grauen! Das Grauen!“. So erschallt es aus dem fiebrigen Munde des wahnsinnigen Elfenbeinhändlers Kurtz auf den letzten Seiten von Joseph Conrads großartiger Novelle „Herz der Finsternis“. Francis Ford Coppola verfilmte das Buch und verlegte in seiner cineastischen Version „Apocalypse Now“ das finstere Herz in den Vietnamkrieg. Während man bei Conrad und Coppola bis zum Ende warten muss, um dem zwischen Genie und Wahn waltenden Tyrannen zu begegnen, tritt einem der Colonel in Denis Johnsons Epos „Ein gerader Rauch“ schon auf den ersten Seiten entgegen. Doch weder spricht dieser über Albträume, in denen Schnecken über Rasierklingen spazieren, noch zitiert er Lyrik... wir sehen ihn, wie er sich vor einer Bambushütte erleichtert. Und was den Wahnsinn des Colonels angeht, sehen Zeitzeugen diesen darin manifestiert, dass dieser sich den Film eines bestimmten Footballspiels nach Vietnam liefern lässt, um diesen seinen Truppen zeigen zu können. Willkommen in einem der besten und wichtigsten amerikanischen Romane des 21. Jahrhunderts!
Der fast 900 Seiten starke Opus Magnum aus der Feder Denis Johnsons liest sich stellenweise, als hätte Kafka einen Kriegsroman geschrieben. In komplexer Form schildert Johnson das Schicksal verschiedener Menschen im Vietnamkrieg: Der an Conrads Charakter erinnernde Colonel, dessen Neffen Skip Sands (im geheimen Auftrag des CIA), die jungen Houston Brüder (die ihrer Provinz durch Einschreibung glauben entronnen zu sein), sowie Kathy Jones (eine Kinderkrankenschwester, die ihren Mann verloren hat) – das ganze umfasst den Zeitraum 1963 bis 1983. Wer hier Dschungelkrieg in Oliver Stone Manier erwartet, dürfte auf dem falschen Kontrollschiff den Fluss entlangfahren. Ganze 400 Seiten vergehen, bis man erstmals Bilder geliefert bekommt, die man aus den Filmen und Büchern dieser Art kennt. Genau genommen spielt der Roman um den Krieg herum. Den Schrecken des Krieges liest man über weite Strecken aus der Rast- und Ziellosigkeit seiner Protagonisten ab („... als ein starker Regen schönem, sonnigem Wetter wich, von dem er sich ausgeschlossen fühlte.“), die sich durch Sex, Literatur und Religion zu retten versuchen, jedoch damit nur noch weiter in die Abwärtsspirale geraten. Pathos und Heldentum sind der Geschichte fremd. In einer Szene erinnert sich der Colonel, wie er während des zweiten Weltkriegs in japanischer Kriegsgefangenschaft war, kurz vorm Sterben stand und dann von einem Mitgefangenen in einer selbstlosen Tat ein hartgekochtes Ei als Geschenk erhielt. Noch Jahrzehnte später treten dem Colonel Tränen in die Augen, wenn er diese Geschichte erzählt, doch als er eben diesem Mitgefangenen später begegnet, ihm dafür dankt, zweifelt dieser erst an der Geschichte, bestreitet es schlussendlich. Ernüchterung und Desillusionierung par excellence!
Auch wenn der Roman zum rastlosen durch-die-Nacht-lesen verführt, empfiehlt sich das nicht. Sonst könnten einem die kunstfertig arrangierten Zwillingsmotive entgehen. Während sich die Erzählweise in Form von Ringen darstellt (später wird der Colonel dies gar thematisieren, um psychologische Kriegsführung zu erklären), halten immer wieder Motive und Szenen Einzug, die virtuos verdoppelt werden. Gleich zu Anfang stirbt ein Affe und weint dabei wie ein Mensch, während ihm einer der Houston Brüder, der ihn unmotiviert erschossen hat, dabei zusieht. Später im Roman: Ein Leutnant, der von den eigenen Leuten versehentlich in den Rücken geschossen wurde, liegt in einem Krankenbett und weint dabei wie ein Hund, während ihn der andere Houston Bruder besucht. Und auch die titelgebende Rauchsäule, die der Bibel entnommen ist, aber auch dem Napalm Beschuss des Dschungels gleicht, wird in solch einem Verfahren auftauchen. Nicht immer geben sich diese Doppelungen gleich zu erkennen, oft werden sie verzerrt, so dass man sich ihrer mitunter erst später gewahr wird. Ich möchte erneut auf die Figur des Colonels zurückkommen, denn auch hier walten ähnliche Methoden: Während Conrad und Coppola den Auftritt des Colonels hinauszögern, die Erwartungshaltung des Lesers auf dem Weg zur finalen Konfrontation durch Zeugenaussagen und Dokumente ins Unermäßliche steigern, dreht Johnson das Prinzip geradewegs herum: Wir beginnen mit dem Colonel, wie er leibt und lebt, bis dieser immer rarer wird und schlussendlich nur noch in aufgebauschten Erzählungen und verrückten Magazinbeiträgen in Gestalt tritt – avantgardistischer kann man das vice versa-Verfahren eigentlich nicht verwenden. Johnson hat alles in allem einen postmodernen Ansatz, wie ihn auch der Filmemacher Quentin Tarantino einsetzt (Aussparen eines großen Ereignisses; anfangs beliebig anmutende Chronologie, die später ihren Sinn offenbart).
Gab es zu Anfang des 21. Jahrhunderts viele überlebensgroße Romane, deren Lektüre wie ein Erdbeben durrüttelte, deren Erhabenheit einen illuminierte? Eigentlich nein. Am ehesten wohl noch Cormac McCarthys Endzeitroman “Die Straße”. Und betrachtet man sich dieses literarische Duo, geben sich Gemeinsamkeiten zu erkennen. Beide pflegen einen lakonischen Stil, ganz weit entfernt von aufgebauschten Worten und ähnlichen Verzierungen, hier tritt ein Stil auf den Plan, der plätschernd seinen Lauf nimmt, einen aber auch kurzerhand packt und nicht mehr loslässt. Vom Kino sagt man: Gute Kameraarbeit ist jene, wo es nicht auffällt, dass überhaupt eine Kamera geführt wird. Ganz so verhält es sich auch mit Prosa.
Um den Horror des Krieges zu veranschaulichen, ihn spürbar zu machen, bedient man sich jeher besonders drastischer Gewalttaten, die immer grausamer werden müssen, weil Gewalt als ästhetisches Mittel Einzug in gegenwärtige Literatur und Filme gehalten hat. Auch Johnson liefert eine solche Szene. Ein Soldat schneidet einem Vietcong das Auge heraus und hält ihm dieses vor das Gesicht, damit er „sich selbst betrachten könne“. Was im ersten Moment pures Grauen evoziert, ist, betrachtet man sich die Symbolik genauer, ein doppelbödiges Spiel, das den Autor ganz klar über alle Gewalt zum Selbstzweck ausschlachtenden Künstler erhebt, ein weiteres mal den Genius des Denis Johnson unterstreicht.
Doch wie gelingt es einem Romancier, trotz eines kargen Stils eine Intensität und Dichte zu entwickeln, die an die beklemmende Hitze des Dschungels erinnert, mitunter eine poetische Sprengladung zündet, deren Schlagkraft einen regelrecht zwingt, langsam zu lesen? Auch im Zögern, das auf eine solche Frage folgt, liegen Antworten. Denn so dicht Johnson das Netz spannt, so kryptisch gibt es sich doch auch in manchen Passagen (gerade in jenen Phasen, wo es um psychologische Kriegsführung geht). Anfangs denkt man noch, die Chronologie der Ereignisse wäre unbeholfen, vielleicht sogar bewusst wahl- und ziellos angerichtet, aber je weiter man voranschreitet, umso klarer wird die Genialität, die den Autor hier geritten hat. Sind es Ablenkungsmanöver, wenn Johnson Anspielungen auf Filme wie „Die durch die Hölle gehen“, „Apocalpyse Now“ und „Dead Presidents“ einstreut? Handelt es sich um Täuschungsmanöver, wenn triviale Elemente, wie etwa der deutsche Attentäter (nur vollständig mit Nazivater und bizarren Waffen wie einem Blasrohr), eingesetzt werden?
Ein Roman, der den Leser so viele Fragen mitreicht, sich so tief in sein Unterbewusstsein schraubt, dass dieser noch Wochen nach Beendigung der Lektüre die Bilder plastisch in sich trägt, ist heutzutage wahrlich eine Seltenheit. Ein Grund mehr, diesen Roman zu feiern!
„Bei der psychologischen Kriegsführung geht es immer um ungewöhnliche Ideen, Mann. Wir blasen einen Gedanken so prall auf, bis er kurz vom Platzen ist. In puncto Wirklichkeit bewegen wir uns auf des Messers Schneide. Genau da, wo sie sich in einen Traum verwandelt.“ Denis Johnson, Ein gerader Rauch.