Leser-Rezension zu „Ein gerader Rauch” von Denis Johnson
am 23.01.2009
„Ein gerader Rauch“ beginnt am Abend der Ermordung von J.F. Kennedy. In zwei Hauptgeschichten, die parallel verlaufen, wird zum einen von Colonel Sands erzählt, der in dem Kriegsgebiet Vietnam eine Abteilung aufbaut, deren erklärtes Ziel es ist, den Feind psychologisch zu unterwandern und durch gezielte Desinformation zu zermürben. Zugleich wird das Schicksal eines Brüderpaares geschildert, von denen der eine Bruder in der Heimat als krimineller Säufer endet, während der andere als brutale Kampfmaschine im Dschungel Vietnams wütet und mordet. In diesem vielschichtigen Elaborat existiert aber noch eine unglaubliche Fülle von Geschichten, Menschen und Schauplätzen wie Arizona, Manila, Kuala Lumpur, der Dschungel und die Bordelle Vietnams. Hier landen Menschen, die in den Krieg getrieben werden: ohne Vorbereitung, ohne zu wissen, was sie dort alles an Elend und Schrecken erwartet. Die Unschuld die sie einst besaßen, verlieren sie in dem Krieg, aus dem keiner schadlos herauskommt – wenn überhaupt lebend. Keiner wird sich jemals wieder im zivilisierten Leben zu Hause fühlen.
Denis Johnson beweist mit seinem neuen Roman „Ein gerader Rauch“, dass er zu den wichtigsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur gehört. Es ist nicht leicht, sich in diesem Roman zurechtzufinden, die wechselnden Perspektiven und chronologischen Sprünge verlangen dem Leser viel ab, sind aber notwendig, um das Wesen des Krieges zu charakterisieren. Man muss sich als Leser förmlich den Weg durch das undurchdringliche Dickicht des Dschungels frei schlagen. Dieses komplexe Beziehungsgeflecht, die nicht wirklich nachvollziehbare konstruierte erzählerische Ordnung und das Verschmelzen von biblischen als auch literarischen und symbolischen Verweisen sind Programm und verleihen dem wuchtigen Text eine wilde, halluzinogene Wirkung. Hier wird vom abseitigen Amerika erzählt, von Außenseitern und Einzelgängern, Gestrandeten und Freaks. Denis Johnson führt uns den menschlichen Niedergang seiner Protagonisten erbarmungslos vor Augen und zeigt schonungslos, wie der Krieg den Menschen für immer verändert. Der Autor war selbst Kriegsberichterstatter im Irak-Krieg und daher wirkt dieses Plädoyer gegen Krieg und Gewalt so absolut überzeugend. Trotz seines Umfangs von knapp 900 Seiten ist keine Zeile zu viel und dieses weise und ergreifende Buch ist spannend, mitreißend und
bewegend, wie ein Faustschlag in die Magengrube. Beim Lesen muss man immer an Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ und an die Antikriegsfilme „Apokalypse Now“ oder „Die durch die Hölle gehen“ denken. „Ein gerader Rauch“ ist eine gewaltige Metapher für den Irrsinn des Krieges, für den Verlust der Menschlichkeit und das daraus entstehende traumatische Verlorensein. Dennoch schwebt über diesem Buch, das voller Traurigkeit, voller Rätselhaftigkeit, voller Mythen und Symbolik von der unfassbaren Brutalität erzählt, zu der Menschen fähig sein können, eine unzerstörbare Hoffnung. Eine Hoffnung auf Erlösung, Frieden und Sinn.

