Wer von sich ernsthaft behaupten will ein Kenner von Hardboiled-Literatur zu sein, sollte zumindest einmal ein Buch von Dennis Lehane gelesen haben.
Dies ist kein Zitat, sondern eine forsche Behauptung meinerseits, da es dieser Autor immer wieder schafft mich für Stunden in den Bann zu ziehen und aufs Beste zu unterhalten. Und jedes Mal aufs Neue brennt er dabei ein knallhartes Action-Gewitter allererster Güte ab, das im Genre seinesgleichen sucht.
Während sich andere amerikanische Autoren jedoch nur auf rohe Gewalt, viel Blut und heiße Latino-Ermittlerinnen mit Spatzenhirn beschränkt haben, kommt Lehane mit einem Tiefgang daher, dem man sonst wohl eher im Bereich der Belletristik zu finden erwartet. Seine Figuren könnten facettenreicher nicht sein, das kriminelle Element nicht verstörender und plastischer geschildert werden, als es der Bestsellerautor aus Boston in seinen Werken tut. Und da konstant auf hohem Niveau geschrieben wird, ist es auch wenig verwunderlich, dass auch der zweite Band aus der Kenzie/Gennaro-Reihe mal wieder ein absoluter Volltreffer ist.
Dieses Mal werden die beiden Privatdetektive und Sandkastenfreunde Patrick Kenzie und Angela Gennaro von der bekannten Psychologin Diandra Warren angeheuert. Mit der Behandlung einer Patientin scheint sie der Bostoner Mafia auf den Schlips getreten zu sein. Ein zugeschicktes Foto auf dem ihr Sohn Jason zu sehen ist, fungiert als deutliche Warnung. Patrick lässt seine Beziehungen zu seinem alten Freund, dem Waffenhändler Bubba Rogowski spielen, um eine Audienz bei "Fat Freddy" Constantine zu erhalten, dem Oberhaupt und Paten der ortsansässigen Mafia. Erstaunlicherweise scheint der skrupellose Gangsterboss nichts mit der Drohung zu tun zu haben und die Gefahr von anderer Stelle auszugehen. Während Patricks Beziehung zu der Ärztin Grace sichtlich enger wird und Ange mit der Scheidung einen Schlussstrich unter ihre zerstörte Ehe zieht, eskaliert um sie herum die Gewalt. Kara Rider, eine Schulfreundin Patricks aus alten Tagen, wird auf offener Straße gekreuzigt... und die Art und Weise des Mordes ruft Erinnerungen an vergangene Zeiten wach. Hat ein irrer Serienkiller Patrick und seine Freunde ins Visier genommen?
Wie schon im ersten Band präsentiert uns Lehane eine Story, die mit der Rasierklinge ins Papier geritzt zu sein scheint, so scharf, kantig und wortgewaltig prasselt sie auf uns nieder. Während der Leser verfolgt, wie sich Kenzies Leben langsam zu einem Albtraum entwickelt, packt er unwillkürlich die Seiten fester, lässt sich von dem Sog systematischer und unfassbarer Gewalt erfassen und mitreißen.
Ohne Zweifel: "Absender unbekannt" ist nichts für schwache Gemüter und zarte Seelchen. Hier wird gemordet, geschossen und gequält, die Belastbarkeit der Protagonisten bis an die Grenzen hin getestet. Nichts Neues? Alles schon mal gesehen? Wenn man den Plot alleine betrachtet, durchaus richtig. Es sind dafür aber die Figuren, allen voran die zwei Detektive, deren Vielschichtigkeit und Menschlichkeit berührt, um die der Leser in diesem Moloch aus Kriminalität zittert und bangt. Hinzu kommt die Art und Weise, in der Lehane die Vergangenheit Stückchen für Stückchen enthüllt und uns letztendlich die überraschende Lösung präsentiert. Da bleibt nur ein Fazit: Meisterhaft. Allein aufgrund einiger langatmiger und unnötig ausschweifender Passagen zu Beginn, fällt die Wertung etwas geringer als beim Vorgänger aus.
Insgesamt ist "Absender unbekannt" ein absolutes Juwel des Genres, das zwar keinesfalls zimperlich zu Werke geht, den unerschrockenen Leser aber für Stunden die Welt um sich herum vergessen lässt. Ein Meisterstück im Stile von Scorseses "Departed" und unbedingte Leseempfehlung für alle Fans von Hardboiled-Literatur.