Im Mittelalter gab es unzählige Reliquien die in verschiedenen christlichen Wallfahrtsstätten oder Kirchen ausgestellt wurden. Ein Splitter vom Kreuz Jesus, ein Dorn des Rosenkranzes mit dem Jesus gefoltert wurde, ein Knochen eines Heiligen usw. Das Sortiment an Heiligen Reliquien war vielfältig und Pilger aus aller Welt unternahmen nicht selten unter Lebensgefahr die Reise auf sich um davor zu beten oder versprachen sich davon ihre Sünden begleichen zu können.
Für die Städte in denen ein "Gnadenjahr" veranstaltet wurde, wie z.B. in München im Jahre 1392 war es wirtschaftlich gesehen ein sehr gutes Jahr. Mit den Pilgern kam das Geld dieser Sünder in die Stadt, in die Wirtshäuser und Unterkünfte, für die Kirche stellten diese zahlenden Pilger eine wahre Geldquelle dar. Ablassbriefe persönlich unterzeichnet von der Heiligen römischen Kirche durch einen Bischof oder sogar Kardinal wurden genauso gerne verkauft wie Spendenkassen vor "Heiligen Reliquien aufgestellt.
Alles in allem ein sehr lukratives Geschäft für die Stadt und die Geschäftsleute, genau wie für die Kirche und ihre Fürsten.
Nicht wenige Gemeinden oder gar Fürstentümer und Herrschaftshäuser sahen die Chance zu Geld, Macht und Ansehen zu kommen. Es reiste alles zu diesen Wallfahrsorten, egal ob nun Edelmann oder ein einfacher Kauffmann. Kranke versprachen sich Heilung, Ritter und Adelige vielleicht die Unterstützung für einen Feldzug, einen Krieg gegen die Ungläubigen, Kaufmänner ein Aufschwung ihrer Geschäfte und die Vergebung ihrer Sünden um gleich darauf hin ihre Konten mit Geld und Sünden wieder auffüllen zu könnten. Die Absolution wurde gegen ein gewisses Entgelt immer gerne und oft, ja sogar endlos erteilt.
Und wenn mal keine Reliquien zur Hand waren, so fälschte man diese halt. Wer konnte denn schon beweisen, dass dieser kleine Knochen nicht heilig war? Was folgte war ein reger Austausch und Handel mit Fälschungen von Reliquien jeglicher Art und sicherlich war man auch bereit dafür zu morden.
Derek Meister, der Autor von "Runholts Ehre" und "Rungholts Sünde" lässt diesmal seinen bärbeißigen Patrizier Rungholt im dritten Fall im fernen München auf Mörderjagt gehen.
Story - Geschichte -
Rungholt ist in den Vierzigern und seit dem Tod seines Freundes und Mentors Winfried ist ihm der Tod bewusster geworden. Seine Sünden die noch immer an ihm nagen und ihn innerlich nicht zur Ruhe kommen lassen belasten den Lübecker Ratsherren und Kaufmann sehr. Schon seit Kindheitsbeinen an, ist der Tod ein ständiger Begleiter, seine Eltern und seine Schwester sind ertrunken und dieses Trauma wiegt ebenso schwer wie seine eigenen Bluttaten und dem Tod seiner geliebten Irena.
Auch in Lübeck kommt der Kaufmann nicht zur Ruhe und musste bei seinen beiden Mordfällen erneut töten, wenn es selbst auch der Mörder war und in Notwehr geschah. Rungholt hat Angst vor dem Tod und Respekt vor der Hölle die ihn vielleicht erwartet. Er will für sich endlich seinen Seelenfrieden finden.
Und gerade jetzt im Jahre 1392 findet im Wallfahrtsort München ein "Gnadenjahr" statt. So nimmt also der dickschädelige Hanser die weite Reise von Lübeck nach München auf sich. Zwei Wochen in einem Holzwagen unterwegs zu sein lassen auch den Pilger Rungholt bei seiner Ankunft seinen wunden Hintern spüren den er noch Tage später zu pflegen hat.
Die Zeit in München wird er weiterhin nutzen seine älteste Tochter Margot zu treffen bei der er auch während seines Aufenthaltes wohnen wird. Doch es gibt Spannungen zwischen dem erfahrenen Patrizier und seiner Tochter die nur einen ärmlichen Flößer geheiratet hat. Sein Schwiegersohn Utz ist Rungholt ein Dorn in Auge. Margot und Utz leben in bescheidenen, fast schon ärmlichen Verhältnissen und auch seine Umgangsformen und sein vielleicht bescheidener Geist stimmen den Pilger und Sünder Rungholt sehr skeptisch.
Auf dem Weg zu dem Kapellen in denen die Reliquien ausgestellt sind ereignet sich ein Zwischenfall und Rungholt wird es verwehrt die Kirche besuchen zu dürfen. Sein Seelenfrieden, seine Absolution rücken in weiter Ferne. Hinzu kommt noch das ihn weitere Sorgen plagen, der Bau seiner Bierbrauerei ist ein finanzielles Desaster und der Handel in der Ostsee verläuft wegen Blockaden der Piraten mehr wie nur schleppend.
Auf der drängenden Bitte seiner Tochter hin, die erzählt das eine Freundin von ihr, die Frau eines Goldschmiedes spurlos verschwunden ist, soll sich ihr Vater auf die Suche nach ihr machen. Sein Ruf als Ermittler scheint ihm vorausgeeilt zu sein. Rungholt der damit vielleicht seine einzige Chance sieht das seine Sünden ihm vergeben werden, sollte er die vermisste Frau finden, nimmt die Ermittlungen auf. Diese führen den Patrizier in die dunklen, tiefen Wälder der Stadt und er wird dort fündig. Mit der Hilfe von Torfstechern findet Rungholt zwei Leichen die noch nicht lange tot, aber schon tief im Moor und Schlamm versunken sind.
Die weiteren Ermittlungen laufen schleppend und der Zunftmeister der Gilde der Goldschmiede ist nicht sehr kooperativ, ebenso wenig wie ein Kollege des Goldschmiedes. Unerwartet bekommt Rungholt Unterstützung durch seinen dänischen Freund und Kapitän Marek. Dieser wurde von Alheyd, Rungholt Ehefrau nach München geschickt. Rungholt und Marek müssen erneut in den unheimlichen Wald um mit den Ermittlungen voran zu kommen. Sie werden zusammen mit dem Goldschmied der Rungholt und Marek begleitet in einen Hinterhalt gelockt und entkommen nur knapp und verletzt diesen Mordanschlag.
Als die Identität der beiden Toten aus dem "Knochenwald" aufgeklärt ist, verdichten sich die Spuren um einer Geheimen Gesellschaft die sich der Alchemie verschrieben hat. Was wusste die Goldschmiedin darüber und hat dies etwas mit den wundertätigen Reliquien zu tun die soviel Geld und in die Stadt und die anliegenden Klöster bringt?
Zu spät stellt Rungholt fest das es um mehr geht als falschen Handel und seine Gegner in eine Verschwörung verstrickt sind die tödlich ist….
Kritik
Im dritten Teil um den bärbeißigen und dickköpfigen Rungholt lässt der Autor Derek Meister die Geschichte nicht in Lübeck sondern in München spielen.
Ohne seinen regionalen Vorteil und sein Wissen um die Menschen ist Rungholt nur mit der einzigen Unterstützung seines Freundes Marek auf sich allein gestellt. Ein Hanser aus der Ostsee inmitten eines Pilgerstromes im bayrischen von Bergen angrenzenden München Spuren deuten und Mörder überführen soll, ist eine Herausforderung nicht nur an den Protagonisten, sondern ebenso an dem Autor selbst.
Der Roman "Knochenwald" ist fast ebenso spannend wie seine beiden Vorgänger. Inhaltlich gesehen wird die Verschwörung bis auf einen kleinen Teil schon im Laufe der Handlung aufgeklärt, ebenso das Schicksal der Vermissten ist schon bald kein Rätsel mehr, so dass sich die Geschichte auf den laufenden Stand und Fortschreiten der Ermittlungen von Rungholt konzentriert. Dem Autor Derek Meister geht es hier darum die Geschichte in kleinen Puzzel stücken dem Leser zu präsentieren um damit die Spannung langsam steigern zu können, natürlich wird die Verschwörung und Motivation der Täter erst am Ende verraten.
Um es vorab zu verraten; die verschwundene Goldschmiedin lebt, und sie ist der Schlüssel der ganzen Geschichte und auch die geschilderte Situation aus ihrer Sicht ist fast schon spannender als die Ermittlungen Rungholts.
Rungholts Charakter wird hier ebenso dickköpfig und aufbrausend geschildert wie in den beiden vorherigen Romanen auch. Sein Verhältnis zu seiner ältesten Tochter Margot und ihrem einfachen Ehemann Utz gehört ebenso zur Geschichte und ist wie sein Freund Marek der einzige Rückhalt den er hat. Analysiert man den Charakter Margots so kann man sagen: Die Tochter hat wirklich fast die gleichen Eigenschaften wie ihr jähzorniger Vater und auch sie ermittelt auf ihre eigenen Weise.
"Knochenwald" ist und bleibt ein Historischer Krimi von einer erzählerischen Raffinesse die Ihresgleichen sucht. Die Epoche des Mittelalters wird hier detailreich und getreu wiedergegeben und der Autor schafft es den historischen Hintergrund mit einer spannenden Kriminalgeschichte zu kombinieren.
Es wird vorkommen, dass der eine oder andere Leser die Stadt Lübeck und den einen oder anderen Charakter aus den beiden Romanen "Rungholts Ehre" und "Rungholts Sünde" vermissen wird, doch diese Expedition nach München war für den Charakter Rungholt auch nötig um eine Abwechslung schaffen zu können.
Die Geschichte hat vielleicht nicht so viel verschiedene Handlungsstränge wie es der Leser dieser Reihe gewohnt ist, aber die kleineren Nebenschauplätze und das Verhältnis der Charaktere untereinander wie z.B. Rungholt zu seiner Tochter Margot machen dies schnell wieder wett.
Vermissen könnte man allerdings in der Geschichte die Chance das Mittelalterliche München erzählt zu bekommen. Hier wird nicht viel über das tägliche Leben und vielleicht die vielen Unterschiede zu einer Hansestadt aufgeschlüsselt, ebenso wenig werden die Reliquien und ihre Wichtigkeit für die Pilger und die Stadt München erzählt.
Fazit
Eine Historische Krimireihe mit eben immer den gleichen Charakteren unterliegt dem Gesetz des Fortschrittes. Die Figuren müssen dem Leser vertrauter werden und müssen inhaltlich und chronologisch glaubhaft aufgebaut werden. Genau hier liegt der Anspruch und dem wird der Autor Derek Meister sehr gerecht.
Ebenso wird und muß das historische Ambiente fast schon lückenlos recherchiert sein, sicherlich bedarf es hier schriftstellerische Freiheiten doch auch hier werden Alltagsgegenstände, Berufe zeitgemäß erzählt. Löblich sei hier erwähnt, dass sich der Autor die Zeit nimmt in einem Nachwort auf seine Geschichte einzugehen und auch die Hintergründe plausibel zu erklären. Auch eine Landkarte der Umgebung Münchens lässt es zu das der Leser die Touren Rungholts verfolgen kann. Ebenso hilfreich das kleine Glossar am Ende des Buches in dem man Ausdrücke und Gegenstände des alltäglich mittelalterlichen Lebens erklärt bekommt.
"Knochenwald" von Derek Meister ist wie seiner Vorgänger ein dichter Krimi mit sehr gut ausgebauten Charakteren die man schnell ins Herz schließt. Die Spannung baut sich verhältnismäßig schnell auf und der Autor ist bereit auch mal unkonventionelle Wege zu beschreiten die gleichsam für die Figuren und die Handlung unabdingbar sind, ansonsten würde dieser Krimireihe schnell die Luft ausgehen.
Prädikat: sehr gut und auch nach dem dritten Teil genauso lesenswert. Freuen wir uns auf den vierten Teil und dem Autor zufolge wird es auch hier ein Wiedersehen mit der schönen Stadt Lübeck und seinen Charakteren geben.
Produktinformation
• Broschiert: 448 Seiten
• Verlag: Blanvalet TB (10. März 2008)
• Sprache: Deutsch
• ISBN-10: 3442368502
• ISBN-13: 978-3442368501
Vielen Dank fürs lesen und kommentieren
Michael Sterzik