Leser-Rezension zu „Exit Ghost” von Dirk van Gunsteren

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Clari Clari
Verfasst von Clari
am 11.06.2010
 

Altern als Schrecken und Bürde!

Mit Vorschußlorbeeren bedacht und mit hohen Erwartungen versehen kam s. Zt. das Buch „Exit Ghost“ von Philip Roth in den Buchhandel. Als Meisterwerk begrüßte etwa das Nachrichtenmagazin „Newsweek“ den Roman, und in der „New York Times Book Review“ befand Clive James: „Das Buch eines großen Schriftstellers. Ein großes Buch? Vielleicht ist es nur ein anderes Teilchen eines Puzzles. Eines großen Puzzles, und lebensgetreu ist es gerade deswegen.“

Zuckermann, Philip Roth’ uneingestandenes Alter Ego, ist nach Manhattan zurückgekehrt!
Wir kennen ihn aus früheren Büchern des Autors, in denen er seit 1979 über sein Schriftstellerleben berichtet hat, über sein inneres und äußeres Befinden und über sein Leiden an der Welt. Zuletzt begegnete er uns in dem Buch < Jedermann >, dem aufwühlenden Roman über das Altern.

„Das Alter ist keine Schlacht; es ist ein Massaker „. So äußert er sich an einer Stelle, und er weiß, wovon er spricht!

Wie sollte er auch froh sein?

Er ist jetzt 71 Jahre alt.
Nach einer Prostataoperation hatte er sich dauerhaft in den Berkshires, einer ländlichen Gegend nördlich von New York, niedergelassen. Er hat es gut gehabt in seinem Haus. Unbelastet von dramatischen politischen Ereignissen konnte er ohne jede Ablenkung durch moderne Technologien nur seinem Schreiben und dem Lesen nachgehen.
In der letzten Zeit hat er eine innere Dürre wahrgenommen und ein Nicht mehr in der Welt sein wollen.

Peinliche Begleiterscheinungen seiner defekten Blase führen ihn im Jahr 2004 zu einer Untersuchung und Behandlung ins Mount Sinai Hospital nach New York, der lebendigen, pulsierenden und lauten Stadt. Sie nimmt ihn in ihre Klauen. Was er überwunden glaubte, das überfällt ihn noch einmal mit Macht: die Lust auf Leben, Sex und Menschen!

Mit wenigen klaren Worten trifft Roth die Empfindungen von Zuckermann. Sie lassen keine Zweifel aufkommen: hier seziert einer sein Inneres unsentimental und bar jeden Selbstmitleids.

Zuckermann beobachtet genau, was um ihn her vorgeht.

Sein Nachbar Larry war ein schrulliger Kauz, der sich über Gebühr um ihn gekümmert hat. Zuckermann hat es mit dem ihm eigenen Humor ertragen, aber Larry ist nun tot.

In New York trifft Zuckermann zufällig Amy Bellette, eine frühere Freundin des Schriftstellers Lonoff. Bis heute verehrt Zuckermann diesen Kollegen sehr! Auch er ist schon längst tot.1956 hatte er Amy bei Lonoff zum ersten Mal getroffen. Wie verfallen wirkt die einstmals Schöne heute!
Die Eindrücke der Vergänglichkeit häufen sich!

Zuckermann entscheidet spontan, für ein Jahr sein Haus in den Berkshires gegen eine Wohnung in New York zu tauschen. Die Suche nach der Wohnung führt ihn zu Billy und Jamie, einem jungen Schriftstellerehepaar, das nach dem 11. September der Stadt New York für eine Weile entkommen will.
Zuckermann glaubte, die Zeit seiner liebestollen sexuellen Begierden sei vorbei. Nachdem er aber Jamie gesehen hat, ist es um seine Fassung geschehen! Mit Argwohn nimmt er wahr, dass er dem erfolgreichen Frauenheld von einst in Nichts mehr gleicht.

In aufflackernder Leidenschaft sucht er sich an den politischen Disputen um die Präsidentschaftswahlen von George W. Bush zu beteiligen. Auch ein ambitionierter Biograph, der über Lonoff schreiben will, erregt seinen Zorn. Lonoff ist sein Vorbild gewesen,--und eigentlich hätte er den Nobelpreis verdient! Ein versteckter Hinweis auf die Anwartschaft von Phillip Roth auf diesen Preis?

Seine Vergesslichkeit nimmt allerdings auffällige Formen an.
Schnell entworfene Exposees sollen dabei helfen, dass die Tageserlebnisse seinem Gedächtnis nicht wieder entgleiten. Er weiß, dass jedes Zeichen neue Warnung ist: bald wird alles vorbei sein!

Roth gibt seinem Zuckermann die Züge von Witz und Ironie und lässt ihn sarkastisch und voll rücksichtsloser Selbsteinsicht erscheinen. Nichts wird verleugnet oder beschönigt. Die Wahrheit ist hart, und das nahende Lebensende stets gegenwärtig. Mit einer Mischung aus Wut und Resignation beobachtet Zuckermann seinen Niedergang. Das Treffen mit der alten Freundin, seine Sehnsucht nach der schönen jungen Schriftstellerin und auch die Intrige um den aufdringlichen Biographen zeigen noch einmal in Ansätzen die alte Leidenschaft und Kampfbereitschaft!

Philip Roth schreibt unmittelbar und unverfälscht. Uns erscheint Zuckermann als alter Bekannter. Fast möchte man ihn als Freund ansehen!
Zwischen den sarkastischen Einlassungen über seinen von körperlichem Verfall gezeichneten Alltag finden sich sanfte und sehr poetische Passagen seines friedlichen und idyllischen Landlebens. Da zeigt sich die wahre Kunst des Poeten Philip Roth: die scharfsinnigen Bebachtungen auch noch der feinsten seelischen Regungen mischen sich mit den sehr handfesten Regeln des städtischen Alltags, mit denen er in New York und im Krankenhaus konfrontiert wird. Die Unruhe der Stadt steht im krassen Gegensatz zu malerischen Landschaft seines ländlichen Domizils mit grünen Hügeln, Sümpfen, Vögeln und kleinen Bächen.
Das Buch zeigt in einer lang anhaltenden Reflexion den Weg, den Zuckermann geht. Die Handlung ist vergleichsweise unspektakulär.

Roth entlarvt in seinem Roman radikal, dass es ein Ende gibt, dem niemand entkommen wird. Poetisch, mit einsichtigen und ruhigen Gedanken endet der letzte Lebensabschnitt seines Helden. Er ist zwischen Aufruhr, Aufbegehren, Resignation und Frieden angelegt.

Damit scheint Roth einen Schlusspunkt unter sein Werk zu setzen. Die Erwartungen seiner Leser hat er noch einmal erfüllt. Zuckermann aber werden wir vermissen!

 

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Exit Ghost Exit Ghost
Dirk van Gunsteren

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Exit Ghost
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