Es waren sicher nicht wenige, welche den Einstieg von Suhrkamp in das Krimi-Genre vor anderthalb Jahren mit Skepsis betrachtet haben. Ein Verlag, der sonst gehobene Belletristik und klassische Weltliteratur veröffentlicht, widmet sich plötzlich spannenden Unterhaltungsromanen? Kann so ein Projekt gut gehen? Einige großartige Kriminalromane später, steht die Antwort fest: Ja, es kann. Und spätestens mit dem nun erschienenen epischen Thriller aus der Feder Don Winslows, dürfte auch der letzte Skeptiker verstummt sein.
„Tage der Toten“ wird seit Monaten im Feuilleton und in Leser-Rezensionen beinahe hymnisch gefeiert, und hat sogar den Sprung in die Bestsellerlisten vollzogen, in der sich sonst zumeist eher das seichte Mainstream-Gedöns tummelt. Alles gute Gründe für mich, meine langfristige Leseplanung über den Haufen zu werfen und diesen dicken Schinken sogleich in Angriff zu nehmen. Welch weise Entscheidung dies war: Winslows fast 700 Seiten umfassendes Werk ist einer der besten Krimis, die ich dieses Jahr gelesen habe. Gespickt mit beeindruckend recherchiertem Insiderwissen, atemloser Dramatik, patronengeschwängerter Action und einem stetig in die Höhe kreisenden Spannungsbogen, setzt der amerikanische Schriftsteller hier neue Maßstäbe im Genre. Vornweg sei jedoch gesagt: Zartbesaitete Leser sollten das Buch mit Vorsicht oder besser gar nicht genießen, denn Winslow spart hier nicht mit grausamen Details. Ganz im Gegenteil.
Die Handlung nimmt ihren Anfang im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa Mitte der 70er Jahre. Art Keller, Vietnam-Veteran und Fahnder der von Präsident Nixon neu gegründeten DEA, soll im Auftrag der amerikanischen Regierung dem Treiben der mexikanischen Drogenkartelle Einhalt gebieten. „War on Drugs“ heißt das Stichwort, doch Keller, der geschickt die verbrecherischen Organisationen unterwandert, stellt schnell fest, dass es sich bei dem Engagement seiner Landsleute in erster Linie um eine Alibi-Unterstützung handelt. Ein Propaganda-Unternehmen, das nur dazu dient, die militärischen Aktionen der Kontra-Revolutionäre gegen kommunistische Regierungen in Lateinamerika zu vertuschen. Der Erfolg in der Drogenbekämpfung bleibt aus. Keller erreicht lediglich Pyrrhussiege, die zur Folge haben, das die einstmals verstreuten Mafia-Familien sich besser strukturieren. Innerhalb weniger Jahre ist eine mächtige Federación entstanden, die erfolgreich die Politik unterwandert hat und sogar gemeinsame Sache mit dem amerikanischen Geheimdienst macht. Während die Drogenbarone sich in palastähnlichen Trutzburgen verschanzen, dank Allianzen mit kolumbianischen Kartells und chinesischen Waffenhändlern Milliarden scheffeln, herrscht auf den Straßen Mexikos ein endloser, blutiger Krieg.
Familien werden brutal ermordet, Verräter und Verdächtige bestialisch gefoltert, Polizisten bestochen, ganze Justizapparate korrumpiert. Art Keller und seine überschaubare Schar von gesetzestreuen Kollegen führt einen ausweglosen Kampf. Egal wie viele Köpfe sie der Mafia-Hydra abschlagen, stets wachsen neue nach. Keller wird zunehmend verbitterter, setzt Familie, Freunde und das eigene Leben aufs Spiel, um diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, denen er einst unabsichtlich zum Aufstieg verholfen hat. Doch der Preis wird immer höher …
Wer seine eigenen Nehmerqualitäten mal auf die Probe stellen will, ist mit der Lektüre von „Tage der Toten“ gut beraten, denn Winslows brachiales Epos ist ein zielgerichteter Faustschlag in die Magengrube, der hart an die Schmerzensgrenze und streckenweise noch darüber hinaus geht. Überfüllte und verspätete Züge, pöbelnde Reisende, grölende Fußballfans, überpingelinge Fahrkartenkontrolleure, vereiste Bahnsteige. Für knapp acht kurze Tage gingen sie mir alle am Arsch vorbei, nahm ich neben dem Buch zwischen meinen Händen nichts mehr wirklich war. Der sich in Begeisterung überschlagenden Kritik kann ich nur, nein muss ich zustimmen: Mit „Tage der Toten“ ist Winslow ein beeindruckender Wurf gelungen. Erschreckend ehrlich, verstörend brutal und authentisch, hoch-spannend und derart plastisch beschrieben, das einem die Kinnlade herunterfällt. Wenngleich man sich zu Beginn noch etwas an der Vielschichtigkeit der Handlungsebenen und den vielen Perspektivwechseln stört, sind es bald genau diese Stilmittel, welche dem Werk diese hohe Komplexität und Tiefe verleihen. „Tage der Toten“ ist weit mehr als nur ein Schulterblick bei einem ermittelnden Beamten. Es ist die grandiose Abrechnung eines Autors mit der verborgenen Geschichte der USA und ihrer imperialen Politik, ein gesellschaftspolitisches Gemälde über einen mehr als dreißig Jahre währenden Krieg, der keine Grenzen und keine Konventionen kennt.
Im Jahre 2005 veröffentlicht, hat Don Winslow sechs Jahre für dieses gewaltige und hoffnungslos düstere Meisterwerk recherchiert. Und Recherche bedeutet in diesem Fall nicht den Aufenthalt in staubigen Bibliotheken, sondern das hautnahe Erleben vor Ort. Die Handlung basiert auf wahren Begebenheiten. Allein die Personen (teilweise nur deren Namen) und ihre Aktionen sind ersonnen. Jedwede Brutalität, jede noch so perfide, grauenhafte Mordmethode beruht auf Tatsachen und ist tatsächlich begangen worden. Sie sind einer Realität entnommen, die in ihrer Erbarmungs- und Maßlosigkeit jede Fiktion weit hinter sich lässt. Somit ist es kein Wunder, dass Winslow sich hier einer kurzen, knappen, aber prägnanten Sprache bedient. „Tage der Toten“ liest sich wie das Buch eines Mannes, der sich etwas von der Seele geschrieben hat. Der Blut, Dreck, Scheiße und Tod aus der Erinnerung hervorgekramt hat, um sie auf Papier zu pressen. Aufgeteilt ist die Handlung dabei in drei Stränge, die immer wieder für kurze Zeit verzahnt werden, bis Winslow sie am Ende in einem Showdown zusammenführt. Und jeder für sich ist gleichsam spannend, besitzt seine eigene, schreckliche Faszination.
Da ist zum einem der besessene Drogenfahnder Art Keller. Ein Idealist, der im Verlauf der Jahre seine Ideale über Bord wirft und werfen muss, um den persönlichen Rachedurst zu stillen. Trotz immer wieder auf ihn einprasselnder Schicksalsschläge setzt er alles daran, die Federación zu schwächen und einen Keil zwischen die kooperierenden Familien zu treiben. Mit List, Tücke und selten legalen Mitteln hetzt er die Drogenbarone aufeinander, bis diese sich in einer blutigen Vendetta gegenseitig an die Kehle gehen. Zum anderen verfolgen wir die Geschichte des irischstämmigen New Yorkers Sean Callan, der aus Not zum Mörder wird und im Kreise der italienischen Mafia zum tödlichen Killer aufsteigt. Und dann ist da noch ein mexikanischer Bischof, der selbst für die Drogenbarone eine moralische und lange unantastbare Größe darstellt, mit seinen linksgerichteten Befreiungstheologien aber die konservativen Elemente der katholischen Kirche gegen sich aufbringt. Besonders letzte Figur hat mich für sich gefangen genommen. Das Charisma des Bischofs wirkt unwillkürlich auf den Leser, die Herzensgüte des störrischen alten Mannes rührt am Herzen. Er ist die einzige, wirkliche „gute“ Figur in einem Buch, in dem „Gut“ und „Böse“ sonst fließend in sich übergehen. Ein jeder hat Dreck am Stecken, keiner der sich nicht schmieren lässt.
Wer von Winslow den sonstigen Humor der Pacific-Reihe erwartet hat, erlebt hier ein böses Erwachen. Der nur selten und gezielt platzierte Witz in „Tage der Toten“ ist tiefschwarz. Ein Grinsen stirbt bereits nach wenigen Sekunden auf dem Gesicht, zu grausam und brutal, das was vorhergehend geschildert wurde und noch auf einen wartet. Winslow verzichtet dabei auf die typischen Aha-Effekte der Thrillerkollegen. Er lässt den Leser nicht in der Luft hängen, verzichtet auf die üblichen Cliffhanger. Stattdessen spricht die Geschichte für sich selbst, wachsen Spannung und Unruhe aufgrund des unvermeidlichen Ausbruchs am Ende. Der Weg dorthin ist gespickt mit einer explizit geschilderten Brutalität, welche mir bis dato noch nicht begegnet ist. Sie schockiert, widert an und macht gleichzeitig, weil man sich immer der Authentizität des Buchs bewusst ist, tief traurig. Wie abgestumpft derjenige unter uns, der angesichts solchen Leids und solch sinnloser Tode keinen Kloß im Hals hat und ohne Verzögerung zum Alltag übergehen kann.
Einziger Kritikpunkt: Winslows roter Faden ist mir in seiner Gänze dann doch etwas zu gerade. Wie das Buch ausgeht, weiß man bereits relativ früh, was das Lesevergnügen zwar nicht schmälert, „Tage der Toten“ aber knapp die durchaus mögliche Maximalwertung kostet.
Mit „Tage der Toten“ katapultiert sich Don Winslow ganz hoch auf den Krimi-Olymp. Ein erschütterndes, spannendes und schwer verdauliches Werk, das den Leser mit der Wucht eines Hammers trifft und dringend auf die Leinwand gehört. Ob soviel Brutalität allerdings überhaupt filmisch umsetzbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Ein Highlight am Ende des Jahres, das mir sicher noch einige Zeit in Erinnerung bleiben wird.