Schräg - britisch - highly amusing!
Harold bringt sich gern mal um. So viel steht fest. Und das liegt vor allem daran, dass er vor kurzer Zeit seinen Job als Verkäufer an der Fleischtheke in einem Supermarkt verloren hat. Dumme Geschichte. Noch dümmer aber ist, dass seine allein erziehende Nachbarin für eine Woche verreisen muss und Harold jetzt auf Melvin, ihren 11-jährigen Sohn aufpassen muss. Richtig dumm gelaufen. Im Gegensatz zu Harold ist Melvin nämlich ein Genie. Deswegen passt Melvin mehr auf Harold auf als umgekehrt. Seiner eigenen Aussage nach ist Melvin "ein Savant. Falls Sie nachschlagen müssen: ein Genie." Und was könnte ein kindliches Genie in der Abwesenheit seiner Mutter besseres tun, als seinen leiblichen Vater ausfindig zu machen? Der Beginn eines ganz besonderen Roadtrips!
Zwischeninfo: "Harold" wurde von einem anonymen Autor aus London geschrieben, dessen Stil sich zwischen J. D. Salinger, Nick Hornby und Terry Pratchett bewegt.
Und: Der Roman ist ziemlich komisch. Allein was zum Autor im Klappentext steht, bringt mich zum Lachen: "Der Autor lebt in England. Oder in Deutschland. Er ist militanter Nichtraucher und schwer übergewichtig. Neulich erst hat er eine neue Kaffeemaschine gekauft. Seine alte war kaputt."
So viele skurrile und bis ins kleinste Detail beschriebene, aberwitzige Einzelfiguren sind mir selten auf einem Fleck in einem Roman begegnet. Sie wirken alle so echt und so lebendig, dass man beim Lesen meint, sie stünden einem gerade leibhaftig gegenüber:
"Melvin klingelt. Warten. Melvin klingelt erneut. Geräusche. Etwas fällt um. Es klingt nach Scherben. Die Tür geht auf. Melvin erschrickt. Harold auch. Ein Mann steht im Türrahmen. Im Unterhemd. Unrasiert. Die wenigen Haare streunen in verquerer Lage auf dem kantigen Schädel. Er trägt Boxershorts mit Comic-Mäusen, die an löchrigem Käse schnuppern. Trotz fehlender Statur wärmen Sportlersocken seine Füße, die in braun-gelb karierten Hausschuhen verschwinden. Die Beine und Arme sind dünn, der Bauch nicht, es sieht aus, als habe der Mann einen Medizinball verschluckt und Probleme mit der Verdauung. Eine Karikatur seiner selbst. Der Mann mustert Melvin und Harold misstrauisch. 'Wir kaufen nichts.' Die Tür knallt zu. Melvin klingelt erneut. Die Tür geht auf. 'Wir spenden auch nichts.' Die Tür knallt zu. Melvin klingelt erneut. Die Tür geht auf. 'Auch nicht für Behinderte.' Die Tür knallt zu. Melvin klingelt erneut. Die Tür geht auf. 'Muss ich deutlicher werden?'"
Schon alleine Harold und Melvin sind genial: Harold, der naiv-dümmliche, depressive, ich-fixierte End-Vierziger, der ständig neue Selbstmordversuche startet, die aber alle nicht so recht klappen wollen. Ihm gegenüber Melvin, der gewiefte, altkluge, geniale, schlagfertige kleine Junge, der Harolds Leben gehörig durcheinander bringt.
Fazit:
Die Idee des Buches ist an sich nichts Neues und erinnert ein wenig an Nick Hornby's "About a boy". Aber der subtile, feine, manchmal auch sehr schwarze Witz, mit dem erzählt wird, und die tausenden versteckten Anspielungen lassen mich beeindruckt zurück. Am liebsten würde ich das Buch gleich noch einmal lesen, um auf die Suche nach weiteren Anspielungen zu gehen, die mir beim ersten Lesen entgangen sein könnten. Teilweise habe ich mich ein bisschen an die britische Comedy-Serie "Little Britain" erinnert gefühlt! :) Definitive Empfehlung, wenn man sich beim Lesen Zeit lassen will. Langsam lesen, man könnte sonst viel Witz verpassen!