Ein unmenschliches Leben
Im uneigentlichen Sinne würde ich die Klavierspielerin gerne einen Schauerroman nennen, denn das ist mein vorherrschendes Gefühl beim Lesen gewesen: ein kaltes Grausen.
Dabei fühlt man nicht einmal ganz echt mit der Protagonistin mit, zu groß scheint der Unterschied zwischen ihr und jedem "normalen" Menschen zu sein. Erika Kohut, Hauptfigur und gestörtes Wesen des Romans, ist, was der Volksmund als "verkorkst" bezeichnet, in jeder Hinsicht. Sie ist eine Frau mittleren Alters, die beherrscht von einer allgegenwärtigen, scheinbar allwissenden Mutter, ihren Weg in der Gesellschaft, ja überhaupt dorthinein erst gar nicht findet und der nicht einmal bewusst ist, das sie das sollte oder wollte. In Kindheit und Jugend zum absoluten Gehorsam, zum Fleiß und zum ständigen Üben an dem von der Mutter ausgesuchten Instrument, dem Klavier, verdammt, findet sie nirgendwo Anschluss und hat stets nur die eine Bezugsperson: die Mutter. Diese spinnt ein feines Netz aus Gefällig- und Verbindlichkeiten, bindet Erika fest an sich und lehrt sie eine menschenverachtende Überheblichkeit. Alles andersgeartete und das meint beinahe alles außerhalb der Wohnung, ist niedrig, verkommen und ihrer nicht wert. Arroganz, Eigenbrötlerei werden Erikas anerzogene Schutzschilde gegen die Welt. Weil sie nicht haben kann, was ihr Innerstes begehrt, nämlich ein normales Leben, entwickelt Erika einen unermesslichen Neid. Sie stiehlt um dann zu zerstören, will anderen nicht gönnen, was sie nicht haben kann. Abgeschlossen von jeder zwischenmenschlichen Erfahrung in dem Turm ihrer Einsamkeit, dessen Schlüssel eifersüchtig die Mutter hütet, wird Erika nicht nur sozial, sondern auch sexuell völlig gestört. Sie entwickelt einen Hang zur Selbstzerstörung und zum Voyeurismus, schaut nur zu, kann sich selbst als teilnehmenden Part des Aktes überhaupt nicht vorstellen, da sich ein Wille in diesen Dingen nie entwickelt hat. Es existiert keine Privatsphäre. Sie schläft mit der Mutter im Ehebett, die genau beobachtet was Erikas Hände tun.
Nicht einmal im Berufsleben ist Erika selbstbestimmt. Ihr Lohn, den sie als Klavierlehrerin verdient, wird von der Mutter aufs Sparbuch getragen, die eine Eigentumswohnung für die beiden davon kaufen will, worin jedoch auch kein eigenes Bett für Erika vorgesehen ist.
Als sich ein erwachsener Schüler von Erika in diese verliebt, ist sie in jeder Hinsicht überfordert und hilflos.
Der durchschnittliche Gutbürger würde die Autorin Elfriede Jelinek vermutlich unverfroren, ja dreist nennen und manch einer unter denen, die stolz auf ihr Bürgerdasein sind, würde sie wahrscheinlich gerne ohrfeigen. Mehrfach. Denn sie schreibt, was sie sieht. Und sie sieht genau hin, beschönigt nicht, durchdringt, seziert das Gesehene, ergründet die Dinge, nennt sie beim Namen. Ihr Zynismus und spitzer Hohn durchdringt das gesamte Buch, das in zweiter Instanz ein gesellschaftskritischer Roman ist, der die Wiener Gesellschaft durchleuchtet.
Literarisch ist der Roman sicher Weltklasse, Jelinek hat einen beinah unermesslichen Wortschatz und eine unheimliche Klarsicht auf die Dinge. Für mich persönlich jedoch entreißt sie der Wirklichkeit zu oft den Zauber, lässt die Realität allzu kalt und lieblos sein. Deshalb vergebe ich vier Sterne, weil es ein großartiges Buch ist und nur für mich subjektiv nicht eines der besten.