Rezension verfasst vor 1 Jahr
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Meine Tochter, das unbekannte Wesen. Hinterher weiß man es immer besser. Hinterher erscheint immer alles so klar. Doch mittendrin im Geschehen, wie kann man da Warnhinweise von ganz normalen Vorkommnissen unterscheiden? Hätte Isabelle auffallen sollen, dass ihre Tochter sie seit Monaten belügt? Eine Affäre mit ihrem Mathelehrer beginnt? Sie verachtet?
Isabelle zieht ihre Tochter Amy alleine groß, ein schüchternes Mädchen mit bezaubernden Haaren. Die mutmaßliche Witwe lebt sehr zurückgezogen und in ständiger Angst, man könnte ihr ihre moralische Verfehlung aus der Jugendzeit an der Nasenspitze ablesen. Sinnliche Freude leistet sich Isabelle daher nur dann, wenn sie in Gedanken bei ihrem Vorgesetzten verweilt, einem schon etwas älteren Herrn mit Glatze und schiefem Mund, der zudem verheiratet ist und Isabelle als Frau überhaupt nicht wahrzunehmen scheint.
Warum muss ausgerechnet er Amy, Isabelles 15-jährige Tochter, entblößt in einem Auto antreffen? Noch dazu mit ihrem Mathelehrer Mr. Robertson? In eindeutiger Situation? Und überhaupt: Wie kann es das Mädchen wagen, Isabelle bloßzustellen? Ist das der Dank für all die Aufopferung, den jahrelangen Verzicht, die übermenschliche Mühe?
Außer sich vor Wut schneidet Isabelle ihrer Tochter die wunderschönen Locken knapp über den Ohren ab, demütigt sie, beraubt sie ihrer aufkeimenden Weiblichkeit. Gleichzeitig verlässt der unglückselige Mr. Robertson von heute auf morgen die Stadt und bricht Amy das Herz.
Mutter und Tochter erleben eine intensive Zeit. Jede von ihnen erfährt am eigenen Körper weittragende Veränderungen, blickt Wahrheiten ins Gesicht und findet nach schmerzhafter Suche einen neuen Platz im Leben, an dem es sich aushalten lässt. Isabelle, die ihre eigene Blütezeit als Frau ungenutzt verstreichen ließ, lernt ihre Tochter als Frau und sexuelles Wesen zu akzeptieren. Ein stellenweise etwas altbacken wirkender Roman über die komplexe Beziehung zwischen Müttern und ihren Töchtern. Dennoch: Alles in allem bewegend.
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