Rezension verfasst vor 1 Jahr
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Der zentrale Gegenstand dieser Geschichte ist ein kleines Stückchen Papier. Ein kleiner Fetzen bedruckten Papiers. Trotz dieser Unscheinbarkeit besitzt dieses Papier eine große, nahezu unbeschreibliche Macht über Menschen. Es verfügt über Leben und Tod. Derjenige, der dieses Papier sein eigen nennt, hat die Chance auf das Leben, wer es nicht hat, tötet dafür oder wird getötet. Es ist der Pass, der diese unglaubliche Macht besitzt.
Der Roman spielt sich in den Jahren 1938-1942 ab. Der Protagonist der Geschichte versucht mit seiner Frau aus Deutschland zu fliehen. Das Ziel ist Lissabon. Die letzte noch verbliebene Brücke in die Freiheit, hinein in ein neues und freies Leben in Amerika. Remarques Protagonist gehört dabei zu der großen Gruppe der Regimegegner, der politisch Andersdenkenden, den Künstlern denen die Arbeitserlaubnis entzogen wurde, den Menschen die zu Untermenschen herabklassifiziert wurden, die nun versuchen Hitlerdeutschland zu verlassen und ihr Leben in die Emigration zu retten. Doch auch wenn man den Häschern in Deutschland entkommen konnte, bedeutete das keine Sicherheit. Nur wer gültige Papiere besitzt, hat die Möglichkeit außerhalb Deutschlands in Frieden zu leben ohne sofort zurückgeschickt zu werden. Doch wer hat schon gültige Papiere auf der Flucht? Der Ausbruch des Krieges verschärft die Lage der deutschen Emigranten zusätzlich, werden sie doch nun aufgrund ihrer deutschen Herkunft als potentielle Spione und Feinde angesehen und in Internierungslagern gefangen gehalten.
Erich Maria Remarque portraitiert gekonnt die Vorkriegszeit, die Stimmungen in Europa, den so unwirklich friedlich erscheinenden letzten Sommer vor dem Krieg in Paris, die Flucht aus den Internierungslagern, die Versuche auf fremden Terrain zu Leben und zu Überleben. Dabei zeichnet der Autor ein so klares und wirklichkeitsgetreues Bild der damaligen Gesellschaft, die mit ihren geografischen Eigenarten, Gebräuchen, Problemen, ihrem Zusammenhalt, ihrer Bürokratie, ihrer Kriegsangst und ihrer gleichzeitigen Kriegsmüdigkeit doch nicht allzu entfernt von unserer jetzigen erscheint. Vergleiche zur aktuellen Situation in Libyen, Tunesien oder Ägypten mit der daraus resultierenden Flüchtlingsproblematik in Italien, drängen sich geradezu auf. Alle geschilderten Probleme sind nah und verständlich, doch im selben Moment ebenso unscharf und verschwommen. Einfach unwirklich und dabei doch real.
Neben Leid, Verfolgung, Tod und Unglück spielt jedoch auch die Liebe und das damit einhergehende Glück in Remarques außergewöhnlichem Werk eine entscheidende Rolle. Die Liebesbeziehung zwischen dem Protagonisten und seiner Ehefrau wirkt auf den ersten Blick genau so fremd, unwirklich und entfernt wie die Emigrationsproblematik selbst. Doch während des Romans entwickelt sich diese zu so einer so starken und alles überstrahlenden Kraft, die scheinbar allen Problemen widerstehen kann. Der Autor lässt dabei immer wieder Erkenntnisse, Weisheiten, Wahrheiten und Gefühle erscheinen und auftauchen, die jedem Menschen schon einmal begegnet sind. Alles zusammen genommen ergibt jedoch eine solche Symbiose, so dass sich der daraus resultierende rote Faden nahezu selbst entwickelt und so die Geschichte ihrem unausweichlichen und unbarmherzigen Ende entgegen fließen kann.
Der einzige Kritikpunkt der sich mir bei diesem Werk aufdrängt ist die immer wiederkehrende und bei jeder Gelegenheit erwähnte verbrecherische und menschenverachtende Haltung des Hitlerregimes. Für unsere heutige Zeit und unser Selbstverständnis ein längst geklärter und allgegenwärtiger Sachverhalt, der nicht zwangsläufig ständig erwähnt werden müsste. Betrachtet man jedoch das Jahr in dem „Die Nacht von Lissabon“ erstmals veröffentlich wurde, 1962, erschließet sich diese Notwendigkeit. Befand sich die doch damals so junge und demokratisch unerfahrene Bundesrepublik selbst noch in einer Phase der Selbstfindung, in der viele ihrer Entscheidungs- und Würdenträger noch selbst vollauf damit Beschäftigt waren ihre eigene Vergangenheit aufzuarbeiten.
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