Leser-Rezension zu „Wir haben noch das ganze Leben” von Eshkol Nevo
am 25.08.2010
A196 Wir haben noch das ganze Leben von Eshkol Nevo Kategorie: Allgemein
Eshkol Nevo schreibt über eine Freundschaft von vier jungen Männern im modernen Israel. Diese Freundschaft könnte jedoch vor jedem beliebigen Hintergrund stattfinden. Vier sehr unterschiedliche Charaktere beschließen beim Fußball-WM Endspiel 1998, ihre drei Herzenswünsche auf einen Zettel zu schreiben und erst beim nächsten Endspiel nachzusehen was daraus geworden ist. Lediglich ein Wunsch wird von jedem der vier Protagonisten an die offene Runde verraten.
Nunmehr wird in Rückblenden erläutert wie lange und wie tief die Freundschaft der vier Männer zueinander bereits besteht und welche Herausforderungen bereits gemeinsam gemeistert wurden. Als Erzähler der Geschichte tritt einer der vier Freunde – Juval auf. Er beschreibt den Charakter und die Erlebnisse aus seiner Sicht.
Er schreibt über Amichai, der sich vornimmt endlich seinen Job als Verkäufer von Abonnements für Herzerkrankungen aufzugeben und eine Shiatsu-Ausbildung abzuschließen um eine Naturheilpraxis eröffnen zu können. Amichai, der schon als Kind seinen Vater im Libanonkrieg verlor, denkt jedoch vornehmlich an seine Familie, die aus Ilana (von den Freunden heimlich Ilana die Elegische genannt) und den Zwillingen besteht. Er liebt seine Frau und beweist von den vier Männern das wohl meiste Verantwortungsbewusstsein.
Ofir, der bei seiner Mutter aufwuchs und sein gesamtes Jugendleben damit verbrachte seinem Vater zu imponieren zu wollen, fristet sein Dasein als Werbetexter. Er ist darin sogar sehr erfolgreich und erlebt eine Beförderung nach der Anderen. Er jedoch würde lieber ein Buch veröffentlichen. Er findet jedoch keine Zeit seine Ideen aufs Papier zu bringen.
Churchill ist der heimliche Anführer der Gruppe. Er hat das meiste Selbstvertrauen und bestimmt meist, was gemacht wird. Er ist angehender Jurist und träumt davon als Staatsanwalt einen Fall zu lösen der die Gesellschaft zum Positiven verändert.
Juval schließlich, ist der „Zug der im Bahnhof steht und die anderen anfahren sieht um zu glauben er fährt selber.“ Er wünscht sich 1998 nichts mehr als mit seiner gerade erst eroberten Liebe seines Lebens, Jaara zusammen zu bleiben. Ansonsten weiß er eigentlich nicht so genau wo das Leben ihn hinführen soll.
Die Erzählung nimmt seinen Lauf und seltsamerweise übernimmt ein jeder Freund gleichsam einen Wunsch des anderen. Freundinnen werden abgeworben, Menschen sterben, große Dinge werden vollbracht, Reisen werden unternommen und Veränderungen vorgenommen.
Bemerkenswert ist, die Kunst von Eshkol Nevo, die Gefühlslage vor allem des Protagonisten so zu herausarbeiten, dass man beinahe schon denkt man kennt Juval und die anderen als reale Personen. Man fühlt mit Juval, als seine Freundschaft zu Churchill einer brutalen Probe unterzogen wird. Die Zwiespältigkeit seiner Gedanken ist sehr menschlich, wie die gesamte Erzählung. Man liest von Projekten die im Geist ersonnen werden und nie durchgeführt, von Marotten und Macken, von Schuldgefühlen und Liebesbezeugungen und fühlt es warm ums Herz werden ob so viel „guter alter Freundschaft“.
Als Zugabe erfährt man noch so einiges über das Leben in Israel, über die Intifada die das Leben zunehmend düsterer zeichnet, über den brutalen Wehrdienst den jeder absolvieren muss, über die klaffende Diskrepanz zwischen dem Lebensstil der orthodoxen und der liberalen Juden und über die liebenswerte „Herkunftsvielfalt“ in der zweiten oder dritten Generation. So schafft es die deutsche Übersetzung eine Brücke zu schlagen nach Deutschland oder sonst wohin. Wenn es um Freundschaft geht, sind eigentlich alle Völker gleich.

