Die Partei, die Partei, die hat immer recht
„Eugen Ruge spiegelt ostdeutsche Geschichte in einem Familienroman. Es gelingt ihm, die Erfahrungen von vier Generationen über fünfzig Jahre hinweg in einer dramaturgisch raffinierten Komposition zu bändigen. Sein Buch erzählt von der Utopie des Sozialismus, dem Preis, den sie dem Einzelnen abverlangt, und ihrem allmählichen Verlöschen. Zugleich zeichnet sich sein Roman durch große Unterhaltsamkeit und einen starken Sinn für Komik aus“
So begründet die Jury des Deutschen Buchpreis die Wahl von Eugen Ruges Debütroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ zum Sieger 2011.
Was von den Juroren als „dramaturgisch raffinierte Komposition“ bezeichnet wird, ist ein Roman, in dem Eugen Ruge immer wieder die Perspektive ändert. Er erzählt die Familiengeschichte um die Familie Umnitzer von 1952 bis ins Jahr 2001. Dabei lässt er abwechselnd die einzelnen Familienmitglieder ihre Sicht auf die Ereignisse, sowohl in der Familie, als auch die politischen schildern.
Der Roman beginnt im Jahr 2001 mit Alexander, Sascha, dem Sohn von Irina und Kurt Umnitzer und dem Enkel von Charlotte und Wilhelm Powileit. Er ist die zentrale Figur in Ruges Familiengeschichte. Gerade erst wurde nicht heilbarer Krebs bei ihm diagnostiziert, was dazu führt, dass er nach Mexiko reist um auf den Spuren seiner Großmutter zu wandeln.
Die Familiengeschichte startet jedoch im Jahr 1952. Charlotte und Wilhelm befinden sich noch in ihrem mexikanischen Exil, wohin sie vor den Nazis geflohen sind. Beide sind überzeugte Kommunisten, die auf ein besseres Leben im gerade neu entstandenen sozialistischen System der DDR hoffen. Bei ihrer Ankunft im Staat der SED bekommen beide leitende Positionen zugeteilt, wobei Wilhelm auf lange Sicht Erfolg hat während Charlotte eher zweitrangig bleibt. Sie arbeitet als Sektionsleiterin an der Akademie für Rechts-und Literaturwissenschaften. Sie erteilt Seminare und verfasst hin und wieder Artikel für das Neue Deutschland, eine heute noch existierende sozialistische Tageszeitung. Als Wilhelm als Verwaltungsdirektor der Akademie scheitert sorgt Charlotte dafür, dass die Genossen vom Bezirksamt ihm den eigentlich bedeutungslosen Posten des Wohnbezirksparteisekretärs übertragen. Durch geschickte Täuschungen, Übertreibungen und Aktionen wird Wilhelm zum geachteten und allseits anerkannten Kommunisten und Parteimitglied, der immer neue Orden verliehen bekommt. Charlotte verbittert darüber zusehends.
Kurt ist Charlottes Sohn, mit Irina verheiratet und der Vater von Alexander. Er war in einem Lager in Russland interniert und kommt, einige Jahre nach seiner Mutter, ebenfalls in die DDR. Er ist Historiker und publiziert sehr viel, was Alexander als bedeutungslos betrachtet. Er wirft seinem Vater mangelnde Reflexion und blinde Staatstreue vor. Immer wieder kommt es diesbezüglich zu Meinungsverschiedenheiten. Die Ehe von Irina und Kurt ist nicht wirklich glücklich. Irina, die in der sowjetischen Armee „für Stalin und für die Heimat“ gekämpft hat, verfällt mehr und mehr dem Alkohol, während Kurt sie häufig mit wechselnden Damen betrügt.
Auch Saschas Ehe mit Melita, aus der der Sohn Markus stammt, ist unglücklich. Im Gegensatz zu seinen Eltern lässt er sich jedoch scheiden. Kontakt zu seinem Sohn hat er danach kaum noch und auch sein Glück in der Liebe findet er nicht. Die Figur des Sascha bleibt verschwommen. Seine Ansichten, Gefühle und Meinungen, ebenso wie seine Biographie treten wesentlich weniger deutlich zu Tage, als die der anderen Figuren.
Der Autor lässt die Lesenden an 50 Jahren Familiengeschichte teilhaben, in dem er besondere Ereignisse, die für die Familie in den einzelnen Jahren von Bedeutung sind, aus der Sicht der unterschiedlichen Familienmitglieder schildert. Zwei Daten, zu denen er mit den Lesenden immer wieder zurückkehrt und die somit Dreh- und Angelpunkt der Geschichte werden sind das Jahr 2001, in dem Alexander durch Mexiko reist, und der 1. Oktober 1989.
Das zweite Datum wird alternierend von allen Familienmitgliedern erlebt und so den Lesenden zugänglich gemacht. Dieses Datum ist für die Familie aus dreierlei Gründen wichtig. Zunächst einmal ist es der 90. Geburtstag von Wilhelm und gleichzeitig auch sein Todestag. Außerdem ist es der Tag, an dem Kurt einen Anruf bekommt und erfährt, dass Sascha Republikflucht begangen hat. Aber auch für die Geschichte der DDR ist dieses Datum von Bedeutung und daher von Ruge wahrscheinlich nicht zufällig gewählt.
Am 30. September 1989 bot die DDR über ihren Ständigen Vertreter in Bonn an, die Zufluchtsuchenden in den Botschaften in Prag und Warschau könnten am 1. Oktober 1989 mit Sonderzügen der DDR über das Gebiet der DDR in die Bundesrepublik ausreisen. Zugleich sicherte die Regierung freies Geleit zu. In den größeren Städten sind dabei immer mehr Flüchtende auf die Züge aufgesprungen, was zur Schließung aller Grenzen der DDR am nächsten Tag und zu verstärkten Protesten in der Bevölkerung führte. Der 1. Oktober 1989 läutete nicht nur das Ende des sozialistischen Staates, sondern auch den Zerfall der Familie Powileit/Umnitzer ein.
Das Mittel des Perspektivwechsels, das sich zur Zeit großer Beliebtheit erfreut und den Lesenden schon von Autoren wie Sabine Gruber („Stillbach oder Die Sehnsucht“) oder Doris Knecht („Gruber geht“) bekannt ist, wird bei Ruge gekonnt eingesetzt.
Betrachtet man die Biographie des Autors, lässt sich vermuten, dass weite Teile des Romans autobiographisch inspiriert sind. Kurt Umnitzer hat nicht nur den gleichen Beruf, wie Ruges Vater Wolfgang. Wolfgang Ruge war ebenfalls Historiker in der DDR und publizierte. Seine letzte Veröffentlichung, „Das gelobte Land“, handelt von seiner Zeit im sibirischen Internierungslager und wird gerade von Eugen Ruge neu herausgegeben. In diesem Buch finden sich viele Parallelen zu den Erfahrungen von Kurt Umnitzer im Roman. Wie viel des Romans Fiktion und wie viel Realität ist bleibt offen.
Die, von der Jury bescheinigte, Komik tritt vor allem dann zu Tage, wenn der mittlerweile senile Wilhelm versucht russisch zu sprechen, den Orden als Blech abtut und unvermittelt anfängt das Lied der Partei zu singen.
Eugen Ruge, der schon 2009 den Alfred-Döblin-Preis für das Manuskript zum Buch erhalten hat, ist es gelungen ein unterhaltsames Buch über die Geschichte einer Familie, verwoben im System des Sozialismus zu schreiben.