Felicitas Hoppe hat ein Buch geschrieben, das Heute spielt, in der Gegenwart, in einer WG, während einer Party, in der historischen Vorlesung an der Uni. Eine Erzählerin gibt es und ihren bereits promovierten Kommilitonen, der vielleicht einmal ihr Geliebter werden wird. Und ein Professor spielt eine Rolle, der eine Vorlesung über Johanna hält, genau genommen über ein Nebenthema seines Forschungsgebiets: nämlich über die mit Schandwörtern beschrifteten Papiermützen, die den Opfern der Hinrichtungen aufgesetzt wurden. Erzählt wird gewissermaßen aus den Nebenzimmern der Handlung und der Geschichte. Die Schreiber, die den Prozess von Johanna 500 Jahre vorher mitschrieben, saßen damals hinter dicken Vorhängen, konnten nichts sehen, aber alles hören und somit Zeugnis ablegen. Wie gewissenhaft sie das taten, können wir nicht mehr sagen. Der Roman „Johanna“ von Felicitas Hoppe spielt in solchen Nebenzimmern, im Dunkel der Nacht und dem Licht der Phantasie. Die Phantasiefahrt im Geiste Johannas endet mit einer Zugfahrt der Erzählerin, die auf dem Weg nach Rouen im Bistroabteil schließlich noch einmal dem gesamten Personal der Geschichte von Johanna begegnet, rauchend, Bier trinkend und singend. In Rouen begleitet sie eine Führung für Kinder durch das Jeanne d’Arc-Museum. Ein Mädchen fragt den Bettelbruder Martin, der die Führung macht, wohin Johanna kommt, nachdem alles vorbei ist. In den Himmel natürlich, sagt der. Und wo ist der Himmel, fragt das Mädchen entschlossen zurück. Die Antwort will ich zitieren, in der Hoffnung, dass sich die Größe dieses Buches und meine Begeisterung damit noch besser vermitteln lassen:
„Große Stille im kleinen Museum, nur das Knirschen der Zähne der begleitenden Lehrer, die in den Taschen die Fäuste ballen (...). Die Kinder hielten den Atem an. Der Himmel ist eine Puddingschüssel, sagte Bruder Martin, ein weißer glänzender kühlender Helm, unter dem man hört, was man sonst nicht hört. Wer ihn trägt, wird es fühlen, wer es fühlt, wird es wissen,
wer es weiß, kann es sehen, und wer es sieht, behält es für sich.“
Der Himmel ist nicht, wie ich zunächst in einem Anfall unüberwindbarer Romantik gehofft hatte, ein Fest des Lichts und der Sphärenklänge. Der Himmel ist bei Felicitas Hoppe nur ein Moment, ein Augenblick, eine Erkenntnis, die man nicht nur reflektiert und verarbeitet, wie wir es immer wieder und jeder von uns dauernd und tagtäglich tut. Der Himmel ist bei Felicitas Hoppe eine augenblickliche, momenthafte Erkenntnis, die zum Bild wird, ein Bild, das mehr ist, als alle unsere Bemühungen, die Welt zu ordnen. Und dieses Bild kann, wenn man Hoppe liest, in unserem Leben nur in der Literatur entstehen. Außer, natürlich, wir hören selber Stimmen. Also: Die Puddingschüssel auf den Kopf (wie es Johanna bei Hoppe macht), den Stimmen Gehör schenken, Vertrauen in das, was einen überfällt.
Es gehört etwas Mut dazu, die Angst zu überwinden. Wenn die Angst mich bei der Hand nimmt, heißt es bei Hoppe, habe ich keine Angst.
Das also interessiert Felicitas Hoppe an dieser Johanna. Sie hört, wie alle wirklichen Dichter, Stimmen, Stimmen, die sie Bilder sehen lassen, ein Licht in der dunklen Welt, in der wir leben, Stimmen, die sie auffordern zu handeln, und wenn schon nicht die Welt zu ändern, so doch wenigstens etwas zu machen, was besser ist als die Welt. Der Roman „Johanna“ ist eine Feier der Phantasie, also eine Feier der Literatur, und ist selbst große Literatur. Es ist ein großes Glück, dieses Buch zu lesen.