Vor einiger Zeit las ich auf einem Blog die Anmerkung, dass man nach dem Lesen von Schuld zu dem Schluss käme, dass jeder „durch eine unglückliche Verkettung der Umstände zum Straftäter werden“ kann. Damals schüttelte ich noch ungläubig den Kopf. Straftäter sind böse, sie sind schlechte Menschen, sie wissen was sie tun.
Und dann nahm ich das Buch von Ferdinand von Schirach in die Hand. Ich habe meine Meinung geändert.
Der Schreibstil in diesem Buch ist so klar, so ausdrucksstark. Ohne viel Schnörkel, ohne Emotionen oder irgendeine Wertung erzählt der Autor 15 Kurzgeschichten über wahre Fälle, die er als Strafverteidiger selbst erlebt hat. Und doch ist es mehr als ein reines Beschreiben, das uns in diesem Werk erwartet. Es ist der nüchterne, ungeschönte Blick in die Abgründe menschlichen Denkens und Handelns. Dabei kann das Buch sehr grausam, brutal und widerwärtig sein. Aber das ist es nicht immer. Von Schirach zeigt auf, dass der Begriff Schuld kein einfacher ist und immer von der Perspektive des Betrachters abhängt.
Eine Frau, die jahrelang unter den Schlägen und brutalen Vergewaltigungen ihres Mannes zu leiden hatte und schließlich zum Schutz ihrer Tochter zur Mörderin wird? Ein Junge, der seine Freundin vor den sexuellen Übergriffen eines Perversen retten will und dabei einen Mann tötet.
Nicht immer sind die Täter auch die Bösen. Und nicht immer sind die Verurteilten auch die Schuldigen.
Neben den brutalen Geschichten, die das abscheulichste im Menschen offen legen, zeigt uns der Autor auch anrührende, emotional erschütternde Geschichten, die unter die Haut gehen. Geschichten, von schuldigen Menschen, die doch keine Schuld trifft.
Die Geschichten in diesem Buch haben mich mit solch einer Wucht getroffen, dass ich nicht anders kann, als diesem Buch 5 von 5 Sternen zu geben und Schirachs weitere Werke („Verbrechen“ (ebenfalls ein Kurzgeschichtenband) und „Der Fall Collini“ (Roman) ) auf meine Wunschliste zu setzen!