Ein Buch über einen kleinen Jungen, Bienen und England in den 50ern. Äh, klingt jetzt nicht ganz so interessant, oder? Ich kann nur sagen: Der erste Eindruck täuscht.
Manchmal frage ich mich, wer die Texte hinten auf den Büchern schreibt. Als ich die Möglichkeit hatte das Buch kostenlos zu beziehen habe ich dies wegen des Klappentextes dankend abgelehnt. Irgendwie klang dies nicht wirklich nach der Art von Buch, das ich gerne lesen würde. Inzwischen habe ich es trotzdem getan. Die Bewertungen hier haben mich neugierig gemacht.
Für mich geht es in diesem Buch nicht hauptsächlich um Charlie. Er ist "nur" eine der drei Hauptpersonen des Buches. Aber eben nur eine. Die anderen beiden sind seine Mutter Lydia und die Ärztin Jean. Und eigentlich geht es mehr um die Frage, wer oder was Familie ist oder sein kann.
Lydia hat Charlies Vater geheiratet - weil sie schwanger oder in ihn verliebt war. So genau weiß sie dies heute auch nicht mehr. Lieben tun sich die beiden auf jeden Fall nicht mehr. Und so dreht sich Lydias Leben hauptsächlich um die Fabrik in der sie arbeitet, um die Scherben ihrer Beziehung und um ihren Sohn Charlie.
Der zehnjährige Charlie ist ein liebenswerter Kerl. Heute würde man so jemanden "Nerd" nennen. So gerne, wie es im Klappentext dargestellt wird, liest er gar nicht. Aber er beobachtet alles genau und in seinem Kopf spielt sich viel ab.
Jean ist Ärztin, Besitzerin eines großen Hauses mit Garten, in dem sich einige Bienenstöcke befinden. Sie ist nicht unglücklich in ihrem Leben - aber einsam.
Eines Tages wird Charlie von seinem Vater in Jeans Sprechstunde gebracht, weil er sich verletzt hat. Jean und Charlie freunden sich an und sie bringt ihm nach und nach alles bei, was man über Bienen und Honig wissen muss. Irgendwann lädt Jean Charlies Mutter zum Tee ein. Sie will nicht, dass Lydia sich Sorgen um Charlie machen muss. Immerhin verbringt er mehr und mehr Zeit bei Jean.
Die Frauen finden sich nicht unsympatisch, wissen aber erst gar nicht so genau, wie sie miteinander umgehen sollen. Sie kommen aus völlig verschiedenen Schichten. Lydia aus der Arbeiterschicht und Jean aus der gehobenen Mittelschicht. Im England der 50er Jahren war dies genug, um eine riesige Kluft zwischen Menschen zu erschaffen. Klassenunterschiede waren fast unüberbrückbar.
Und trotzdem entwickelt sich zwischen den beiden Frauen langsam eine Art Freundschaft - bis sie merken, dass sie sich ineinander verliebt haben. Und niemand ist davon mehr überrascht und zuerst auch schockiert als sie selber.
Man kann sich vielleicht denken, dass so eine Beziehung vor gut 60 Jahren nicht einfach und oft auch nicht ungefährlich war. Wie sich die Geschichte weiterentwickelt will ich hier aber nicht verraten.
Dies ist sicherlich kein Buch für Leser, die einen engen Plot oder viel Action erwarten. Wer sich aber die Zeit nimmt und sich auf die Geschichte einlässt wird ein paar Stunden Lesevergnügen erleben.
Von mir bekommt "Der Honiggarten" daher 5 Sterne. Und ich werde mich auf die Suche nach weiteren Büchern von Fiona Shaw machen.