Weil Bernard Cornwells Sachsen-Saga in Deutschland eine Veröffentlichungspause eingelegt hat, welche erst im Mai diesen Jahres mit "Das brennende Land" ein Ende finden wird, habe ich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und mit "Die Abenteuer des Röde Orm" einen Titel aus meinem Regal gezogen, der sich nicht nur mit ähnlicher Thematik beschäftigt, sondern auch als einer der Urahnen aller heutigen historischen Romane gelten darf. In zwei Teilen zu je zwei Büchern in den Jahren 1941 und 1945 in Schweden erschienen, legt dieser Titel des Autors Frans G. Bengtsson den Grundstein für die spätere Wikinger-Literatur. Seit 1951 wird es in Deutschland zusammengefasst als Buch herausgeben. Unverändert in gleicher Übersetzung und in der (in meinem Fall) bereits 24. Auflage. Das sind die Kennzeichen eines modernen Klassikers, weshalb dementsprechend hoch auch meine Erwartungen waren.
Der Roman berichtet vom bewegten Leben des jungen Orm Tostessohns, welcher gegen Ende des 10ten Jahrhunderts (ungefähr im Jahre 970 n. Chr.) von plündernden Wikingern entführt und gegen seinen Willen auf See verschleppt wird. An Bord des Schiffes von Krok geht er auf Heerfahrt gen Westen, wo man dank geschickter Überfälle große Beute macht und sich Orm den Beinamen "Röde" (bedeutet soviel wie "Der Rote" oder "Rothaarige") verdient. Über den Reichtum kann sich die Besatzung allerdings nur wenig freuen, da man bald durch den Angriff einer maurischen Flotte in Gefangenschaft gerät. Nach Jahren als Rudersklaven an Bord einer Galeere, kommt Orm gemeinsam mit seinem besten Freund Toke in den Dienst des andalusischen Herrschers Almanzur. An seiner Seite kämpft man gegen die Christen ... bis sich das Glück erneut wendet und die Spinnerinnen des Schicksals Orms Zukunft in eine andere Richtung lenken.
Das "Die Abenteuer des Röde Orm" mittlerweile schon gut fast 70 Jahre auf den Buckel hat, liest man bereits in den ersten Zeilen, denn Bengtsson verwendet für sein Buch einen besonderen Stil, der dem eines mittelalterlichen Berichts ähnelt und auf die Inneneinsichten der einzelnen Romanhelden weitgehend verzichtet. Umso bemerkenswerter ist es dann, dass der Leser trotzdem die Gedanken und Gefühle der Figuren nachvollziehen kann. Ihre Wert- und Weltvorstellungen spiegeln sich in den Handlungsweisen und Dialogen wieder, was besonders beim Thema Religion zum Tragen kommt. Dieses zieht sich durch den ganzen Roman, spielt er doch auch in einer Zeit in der sich die missionierenden Priester beim Versuch der Christianisierung Skandinaviens sprichwörtlich um Kopf und Kragen geredet haben. Mit allen Tricks und Kniffen wird deshalb gearbeitet, wenn es darum geht, teuflische Heiden in gläubige Christen zu verwandeln. Das sorgt für einige heitere Momente, von denen der Roman insgesamt sehr viele hat. Allerdings hat das Alter auch beim Witz, der aus heutiger Zeit doch etwas spröde und verstaubt wirkt, seine Spuren hinterlassen.
Wer sich auf den sperrigen Stil einlässt (mir fiel dies besonders in der ersten Hälfte des Buches sehr schwer), wird von einer Geschichte unterhalten werden, die mit bemerkenswerter historischer Genauigkeit das frühmittelalterliche Europa aus skandinavischer Sicht betracht und dieser Zeit somit einige neue und überraschende Facetten abgewinnt. Obwohl, wie vom Klappentext angekündigt, viel getrunken, gefressen und gehurt wird, hält sich das von Wikingern erwartete Gehabe erstaunlich in Grenzen. Die eigentliche Zeit auf den Schiffen ist vergleichsweise knapp bemessen und wird dann relativ kurz abgehandelt. Wenngleich die Kampfeschilderungen auch nicht Cornwellsche Genauigkeit erreichen, vermögen sie doch den unerwartet dialoglastigen Roman aufzulockern und, nicht zuletzt dank dem unbekümmerten und manchmal kindlich wirkenden Verhalten der Nordmänner, den Leser zu amüsieren. Besonders gegen Mitte des Buches ziehen jedoch ausschweifende Passagen, in denen zudem vormals schon behandelte Themen erneut erörtert werden, den Plot in die Länge und stören den Lesefluss. Ein Kritikpunkt, der zu großen Teilen vom gelungenen Ende kaschiert werden kann, an dem Röde Orm und die starken Männer noch einmal zur Höchstform auflaufen.
Insgesamt ist "Die Abenteuer des Röde Orm" ein unterhaltsamer Histo-Klassiker, der allen Freunden von Wikinger-Geschichten ans Herz gelegt sei und als einer der ersten einen Blick in eine bis dato düstere Ecke der europäischen Geschichte geworfen hat. Ein moderner Klassiker, der in jede gut bestückte Bibliothek gehört.