Über die Melancholie des Verschwindens…
Franz Kafkas Romanfragment „Der Verschollene“, bzw. in der von Max Brod herausgegebenen Ausgabe „Amerika“ ist wohl sein heiterster literarischer Exkurs.
Der sechzehnjährige Karl Roßmann wird von seinen Eltern nach Amerika abgeschoben, weil er vom Dienstmädchen der Familie verführt wurde und sie geschwängert hat. Eine recht eigenwillige Strategie zur Lösung des Problems, die jedoch symptomatisch für den Rest dieses Romans ist. Mit diesem Ereignis beginnt ein Abenteuer, dass den sehr menschlichen, aber in gewissen Punkten schwachen Karl Roßmann einen besonderen Abstieg hinlegen lässt, der nur im konsequenten Verschwinden, in einem Sichauflösen enden kann.
Skurrile, wenn man will, „kafkaeske“ Situationen führen den Leser durch die Kajüte eines (gänzlich unbekannten) Heizers, in dessen Bett sich der junge Roßmann aus Platzmangel gerne legt und sich dabei geborgen fühlt; in weiterer Folge davon der Versuch, des Heizers Kündigung aufzuheben und die Bekanntschaft mit dem Onkel Roßmanns, der ihn aufnimmt und in die feine Gesellschaft einführt, ihn aber bei erster Gelegenheit abstößt.
Was Karl Roßmann in der Nacht auf dem Land widerfährt, ist eine zynische, sadistische Falle seines Onkels, die allerdings, auch mit den manischen Szenen um das Fräulein Klara und ihre fernöstliche Kampfkunst literarisch faszinierend gelöst ist.
Ausgestoßen, findet Karl mit dem Iren Robinson und dem Franzosen Delamarche Kameraden, die sich nahtlos in die Reihe derer einordnen, die den gütigen und von Grund auf ehrlichen Karl Roßmann ausnutzen, betrügen und weiter in den Abgrund mitreißen. Eine Beschäftigung als Liftjunge lässt ihn kurz hoffe, bevor auch diese Gelegenheit durch die Rückkehr Robinsons zunichte gemacht wird. Roßmanns Kündigung und Verhör durch den Oberkellner ist eine großartige Ausreizung des Ohnmachtgefühls, das man hat, wenn man zu Unrecht eines Vergehens beschuldigt, bzw. dafür auch noch verurteilt wird. Eine Ohnmacht, die auch hier durch resigniertes Handeln beendet wird. Als letzter Schritt in den Abstieg soll Karl der psychisch labilen Sängerin Brunelda und Delamarche als Diener zur Seite stehen.
In diesem Teil des Romans zeigt das Handeln Karl Roßmann erstmals erste Zeichen von Auflehnung gegen das Unrecht, das ihm angetan wird.
Ein Sprung in Geschehen und Zeit führt den Leser zu Karl Roßmanns Ausbruch und seinem erfolgreichen Bestreben, Mitglied im absolut absurden Naturtheater Oklahoma zu werden, das als größtes Theater Amerikas, bzw. der Welt gelten soll.
Mit der Figur Karl Roßmanns hat Franz Kafka ein Psychogramm eines grundgütigen jungen Mannes gezeichnet, der von Unrecht und Gemeinheit verfolgt, das Menschsein und seine Grundehrlichkeit nie aufgibt, bis zur endgültigen Flucht aus seiner Identität, die durch die Ablegung seiner Identität besiegelt wird.
Max Brods Version von Franz Kafkas Text ist vor allem der Versuch, die Eigenheiten von Franz Kafkas Rechtschreibung und vor allem auch, seiner Interpunktion, auszubessern, die Sprache Kafkas dem Leser näherzubringen.
Die beiden im Anhang angehängten Fragmente von Kapiteln, die Max Brod aus dem Roman herausgenommen hat, sind meiner Meinung nach für das Geschehen unwichtig und ablenkend. Beide Fragmente können als Versuche gedeutet werden, das Geschehen um Brunelda in andere Bahnen zu lenken. Möglicherweise blieben sie deshalb fragmentarisch, weil Frank Kafka sich dessen bewusst war, dass er, um das endgültige Verschwinden Karl Roßmanns zu inszenieren, nicht mehr in diese Richtung gehen kann.
Möglicherweise fehlt diesem Romanfragment die Überleitung zum letzten Kapitel um das Naturtheater Oklahoma; andererseits macht aber dieser doch recht ruppige Sprung, dieses Unvollständige hier den großen Reiz aus.
Nicht alles muss gesagt werden.
Meiner Meinung nach ist „Amerika“, auch wenn nie wirklich vollendet, doch ein vollendeter und in sich geschlossener Roman, der durch das offene Ende sehr lange zum Nachdenken anregt.
„Amerika“ ist von einer durchgehenden melancholisch-heiteren Stimmung durchleuchtet und hat u.a. mit seinem zwanghaft neurotischen Antihelden Karl Roßmann einen Protagonisten, der den Leser mitleiden, aber auch immer wieder mitschmunzeln lässt.
Sprachlich brillant, mit unvergesslichen Szenen und Sätzen, die immer in Erinnerung bleiben werden.