Leser-Rezension zu „Das Schloß” von Franz Kafka
am 29.07.2011
Dieses Buch sollte es eigentlich gar nicht geben. Kafka hat in seinem Testament hinterlassen, dass alle vollgeschriebenen Zettel und unvollständige Manuskripte verbrannt werden sollten. Darunter befand ich auch „Das Schloß“ (neben 'Der Prozeß' und 'Amerika'). Wie sein enger Vertrauter und Verleger Max Brod aber richtig erkannt hat, war es gut, dies nicht zu tun, sondern all diese Niederschriften aufzubewahren. Posthum wurde dieses Buch herausgegeben.
Worin besteht aber der Reiz ein unvollendetes Buch zu lesen? Also nur noch Fragment.
Es ist eine schwer zu beantwortende Frage. Es kann daran liegen, dass Kafkas Stilistik unverwechselbar und schier lesenswert ist. Ein Ziel kann es natürlich auch sein, sich selbst das Ende zu denken. Zwar hat Kafka Brod dies mündlich mitgeteilt, aber schien noch nicht bis zur Gänze ausgereift zu sein.
Worum geht es aber in dem Werk?
Wie auch in 'Der Prozeß' ist der Hauptcharakter ein gewisser 'K.'. Im 'Prozeß' hat er noch den Vornamen Josef, beim 'Schloß' heißt er einfach nur: K. Sein Beruf ist Landvermesser und angeblich hat er den Auftrag in einem Dorf das dazugehörige Schloß auszumessen. K. ist ein sehr selbstbewusster und kluger Mann. Dennoch lässt er sich gerne ablenken, ist zu akribisch und gewillt alles zu wissen. Es hat den Anschein, dass genau diese Eigenschaften ihm das Genick brechen. Denn sonderbarer Weise soll er gar nicht dem Auftrag nachgehen, es schien ein bürokratischer Fehler zu sein. Die Quelle ist nicht klar auszumachen, wahrscheinlich ging es von Klamm aus, einem der höchsten Beamten, der im Schloß arbeitet.
Selbstverständlich will K. nun Klamm sprechen. Erreichen soll er dies nie. Er wird nicht ein Mal die Möglichkeit haben das Anwesen zu betreten, auch in die Nähe des Schloßes wird er nicht gelangen.
Groß und unfassbar verflochten ist das bürokratische System. So lernt K. viele Leute kennen, die ihn immer nur weiterleiten. Sein Wille weiterzugelangen ist allerdings so groß, dass er mit allen Mitteln versucht im Dorf Fuß zu fassen und irgendwann seine Messarbeiten zu beginnen. Das Herz der jungen Frieda will er erobern, mit dem Boten Barnabas und seiner Schwester Olga hat er zwei Freunde gefunden, die ihm immer wieder helfen wollen, doch wirklich nützlich scheint es nicht.
So endet das Buch nach über dreihundert Seiten mehr oder weniger im Nichts.
Was bleibt?
Es bleibt ein wahnsinniger Eindruck, wie durchdacht das Werk ist. Es ist geboten, sehr aufmerksam zu lesen, was schwer fällt, da einige Passagen ermüdend sind. Kafkas Sprache ist sehr nüchtern, geradlinig und äußerst korrekt.
Ein beliebter Interpretationsansatz ist der religiöse. Das unerreichbare Schloß stehe für eine gewisse Göttlichkeit, Brod spricht von „Gnade“. Das Schloß, seine Beamten und die dazugehörigen Entschlüsse tun den Menschen gut, die verleihen allen Bewohnern Zuversichtlichkeit, Schutz und Geborgenheit; auf das Schloß ist Verlass. So sei es auch mit Gott, eine immerwährende Konstante, aber doch unerreichbar.
Das Schloß an sich kann aber auch für zahlreiche andere Dinge stehen: Väter, totalitäre Systeme oder ein Witz auf die Bürokratie.

